Zur Predigt Sonntag 7.3.2021 von Prädikant Karl Flasch

 

Predigt von Karin Latour zur Reihe Reformation 10.1.2021

Pfarrerin Stroband- Latour,
Evangelische Kirchengemeinde Kerken

Liebe Gemeinde,
ich fand das Märchen immer irgendwie doof: „Von einem der auszog das Fürchten zu lernen.“  „Vater, mich fürchtet es nicht…“ sagt im Grimm’schen Märchen der Sohn zu seinem Vater.  Kennen Sie es noch?
Fürchten, Angst haben, muss man das lernen? Sucht man das wirklich freiwillig?
Ich weiß, dass es Menschen gibt, die brauchen genau diesen Kick:
Die höchste und vermeintlich gefährlichste Achterbahn,
Bungeespringen von einer Brücke,
mit dem Fallschirm auf dem Rücken eines anderen hinab in die Tiefe
oder das Selfie am Abgrund einer Schlucht, eines Hochhauses…
Nein, das habe ich nie begriffen und werde es sicherlich auch nie.

Manchmal kündigten meine Kinder als sie noch klein waren, vermutlich um mich zu provozieren, genau  solche Dinge an und ich sagte: „Macht das, wenn ich tot bin.“
„Mama, wann bist du tot?“
Naja, noch lebe ich und habe, wie vermutlich viele von Ihnen wenig Verständnis dafür, dass man sich freiwillig und ohne Not in Gefahren begibt -nur um einen Kick zu bekommen.

Wir wissen- das Fürchten, das Gruseln- wie es im Märchen heißt, die Angst, ja die Panik ist im wahren Leben schneller da, als man glaubt. Und zwar nicht als Freizeitspaß, sondern ganz real. Und da kann man nicht mal eben aussteigen aus der Kabine einer Achterbahn und sagen: „Man, war das cool…“

Ich wusste, als Kind der Nachkriegsgeneration, die mit diesen Geschichten aufgewachsen war, dass es Tiefflieger gibt und Krieg.
Ich wusste, dass Ediths Mutter, etwas blass auf einer Liege im Hof der Schulfreundin bald sterben musste und dass wir Kinder- obwohl Sommerferien waren -nicht laut reden durften und schon gar nicht lachen. Krebs, da hatte ich das Wort das erste Mal gehört. Ediths Mutter und Krebs.

Ich wusste, was Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit bedeutet. Solche Schatten lagen immer irgendwie auch über meiner Kindheit und Jugend, wenn der Vater tagelang beim Abendbrot am Tisch nichts mehr sprach. Und ich wusste, wie leer und verzweifelt wir alle waren als der Tod Conny, einen Schulkameraden seit der Grundschule einfach so- den besten Reiter des Dorfes  – mit 16 holte. Herzmuskelentzündung.

Ich wusste auch wie schön das Leben ist, wie wunderschön, aber eben auch gefährdet, von einem Moment zum nächsten kann alles anders sein. Alles anders sein. Eben noch schön, eben noch ruhig, eben noch normal, eben noch Pläne, Gespräche, Alltag, Banalitäten und dann…
Nein, wir brauchen das Fürchten nicht lernen… das Leben bringt es uns alle irgendwann bei:

Text: Markus 4,35- 41 in Abschnitten.
Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen:
Lasst uns ans andere Ufer fahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit. Wie er im Boot war.
Und es waren noch andere Boote bei ihm.

Genau das ist so ein Tag- ein ganz normaler Tag. Eine ganz normale Begebenheit für Menschen, die an einem See , einem Fluss wohnen, sich aufhalten, von A nach B kommen wie schon hunderte Male vorher. Sicher wissen die am See Genezareth, dass das Wetter manchmal schnell umschlagen kann- sicher weiß man das, aber man rechnet trotzdem nicht damit.

Die Jünger und Jesus. Die anderen in ihren Booten, sie tun das, was Routine ist- ins Boot steigen, in einen Zug, ein Auto, über eine Brücke fahren, zur Routineuntersuchung zum Arzt, Alltag eben. Alles ganz normal.

Da erhob sich ein großer Wirbelwind, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde.

Alles geht in dieser biblischen Geschichte ganz schnell. Und es war nicht: „Wir sahen die Sonne sinken, aber als sie verschwand erschraken wir sehr.“

Da ist die Gefahr von jetzt auf gleich. Da ist von einem Moment an nichts mehr wie es vorher war. Da ist aus sanftem abendlichem Dahinschaukel auf einem See plötzlich Seenot geworden. Und zwar nicht bei den fernen anderen Booten, denen, von denen wir in der Zeitung oder im Internet lesen oder im Radio hören, sondern bei uns selbst. So nah kommt diese 2000 Jahre alte Geschichte. Bei den Jüngern droht das Boot zu versinken- wir ahnen was in ihnen vor sich geht- ahnen, dass auch von unseren Lebensbooten die Rede sein könnte.

Da, wo eben noch Langeweile war- lange weile- da wo eben noch Sicherheit war und gewohnte Ruhe, da wo nichts war, dass sie hätte erschüttern können, da wo eben noch alles in Ordnung und so sicher schien- bricht der Wind, die Wellen, das Wasser mit ganzer Wucht herein.

Wem von uns fallen bei diesen Worten nicht die winzigen überfüllten Nussschalen , die Schlauchboote, die alten Kähne ein, mit denen Menschen zu Tausenden  übers Meer fahren, fliehen aus Hunger und Elend, Krieg und Not- die können ein Lied singen von ihrer Angst, von den Gefahren des Meeres.

Aber auch die anderen Winde, Stürme und Wellen: zerbrochene Lebensträume, der plötzliche Tod eines Angehörigen, die Diagnose einer schlimmen Krankheit, eine Pandemie, die die ganze Welt von jetzt auf gleich im Griff hat und alles verändert.

Von jetzt auf gleich Sorgen, Ängste, ja Todesängste, Verzweiflung und tiefste Not. Ich erinnere an die Bilder aus Italien. LKW-Korsos, die durch die Straßen fahren mit den Särgen an Bord…
Das ist keine „Seefahrt, die ist lustig, die ist schön. „

Henning Mankell fällt mir ein, der in seinem Buch Treibsand erzählt, wie gelähmt er ist, was in ihm vorgeht als er die Diagnose der Krankheit beim Arzt erfährt - nein er schreit nicht, er ist nicht panisch, hektisch - er ist wie gelähmt- geht in seinen Gedanken und Träumen immer wieder in die Kindheit, in der er Schulkameraden sterben sah, sieht sich selbst in ihnen, den Kindern unter dem Eis- bis es ihm gelingt, nach 10 Tagen sich selbst wieder zu finden und bei sich nach Hilfe, Rettung, Stärke zu suchen. Aber er hat auch keinen Jesus, der im Boot liegt und schläft. Henning Mankell glaubt nicht an Gott.

Die Jünger aber haben ihren Meister, der hinten im Boot bist. Der hinten im Boot liegt- und in aller Seelenruhe schläft:

Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen!

Es hat uns in einer Bibelarbeit einmal erstaunt, dieser vorwurfsvolle, ja beinahe aggressive Ton- kein „Hilf uns“, kein „Tu was“, sondern: „Schert es dich gar nicht, wie es uns geht?“

Ist es eine Erwartung der Jünger, dass schon immer alles gut ist und geht und wenn nicht- wie kann er es zulassen. Wie kann Gott das zu lassen!

Beschämt muss ich mich in ihre Reihe stellen und sagen- ja, das habe ich oft so gedacht. Das haben wir doch oft schon gedacht. Wie kann Gott zulassen…und wo ist er in den Katastrophen, in denen der Welt und der Geschichte, denen im Leben der Menschen, die wir kennen, denen, von denen wir hören und die uns erschüttern und den eigen.

„Wach auf Gott!“  ruft der Beter im Psalm.
Ja, und gar manches Mal, wenn ich den Psalm 121 gebetet habe an Gräbern, fragte ich mich:  Was müssen die Angehörigen denken, wenn ich spreche: Siehe der Hüter Israels schläft und schlummert nicht, er ist der Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. Der Herr behüte dich vor allem Übel…

Nein, ich bin wie die Jünger, die ob sie schon die Eimer zum Schöpfen genommen haben, ob sie schon selbst nach ihren Kräften gesucht haben sich doch an Jesus wenden und ihn wecken: Schert es dich gar nicht….
Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach: Schweig. Verstumme und der Wind legte sich. Und es war eine große Stille.

Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

Die Jünger wissen doch, genau wie wir- dass es Stürme gibt, die lebensbedrohlich sind, die Jünger haben doch einfach nur Angst- elementare Angst. Und sie erleben einen schlafenden Jesus, einen schweigenden, einen, der offenbar gar nicht checkt, wo die Jünger dran sind…wäre es nicht naiv zu denken: Mir uns kann nichts passieren- Jesus ist ja da. Gott ist doch da!

Ich meine Jesus muss doch wissen, dass es Boote gibt, die untergehen, dass es Gefahren gibt und Nöte, da kommt man alleine nicht raus. Und Markus, der Evangelist, musste es doch auch wissen!

Genau das wusste er. Er wusste vom Massaker der Römer, als er das Evangelium schrieb, am See Genezareth, als es kurz vorher einen Aufstand gegen die Römer gegeben hatte. Genau das wussten alle, die sich der da noch kleinen aber Christenschar im römischen Reich anschlossen, die blutig bekämpft wurde.

Genau das wussten alle, die trotzdem tapfer ihren Glauben weitersagten und predigten- als es noch das Leben kosten konnte ein Christ zu sein. Habt ihr noch keinen Glauben?

Noch keinen Glauben, sagte einer im Bibelgespräch heißt: Es gibt einen Glauben, den man haben kann.

Einen Glauben, der davon weiß, der überzeugt ist gehalten zu sein- auch wenn oder gerade wenn die Wellen über uns zusammenschlagen?

Einen Glauben, nicht der sich fatalistisch in Gottes Hand fallen lässt, aber einen Glauben, der sich auch in Not, in Gefahr von Gott gehalten weiß.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Bonhoeffer war doch nicht naiv, hat doch nicht geglaubt, dass er den Galgen weg beten kann. Aber er hielt sich an Gott fest!

Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Wellen gehorsam sind!

Ja, sie sind noch weit weg, die Jünger, die über ihn reden in seinem Beisein und nicht mit ihm, die tatsächlich erstaunt, baff, ja erschrocken sind darüber einen Augenblick- und das, obwohl sie doch mit ihm zogen, hörten, sahen…seine göttliche Macht. Nein, vor seinem Tod, vor seiner Auferstehung konnten sie es nicht wissen.

Und danach?

Eine Geschichte, liebe Gemeinde, die einem schon nahe geht, uns mit hinein nimmt gedanklich ins Boot.
Eine Geschichte, die uns fragen lässt: Was ist, wenn da keiner im Boot ist, der sich wecken lässt?
Jene auf dem Meer, die, die auf dem Weg der Sehnsucht nach Leben elendig untergehen, jene mit der bösen Diagnose, die gebetet haben und geweint und geschrien und gehofft, all jene mit den geplatzten Träumen, den zerbrochenen Beziehungen, gebrochenen Herzen, und alle, fragt ein Kollege, deren Stimmen sich aus den Wassern gescheiterten Lebens erheben und nach uns fassen, die wir sicher in unseren Booten sitzen und gleichwohl zumindest ahnen, dass Wind und Wellen uns näher sind als wir wahrhaben wollen?

Haben sie nicht geglaubt? Nicht genug vertraut?

Am 27. Januar gedachten wir der Opfer des Nationalsozialismus - bezogen auf den 27 Januar 1945 - dem Tag der Befreiung der Konzentrationslager Ausschwitz, Birkenau und anderer. Ich erinnere mich daran, wie die Serie Holocaust uns in den 70ger wachgerüttelt hatte. Hineinzuschauen in das Leben der Opfer- nicht auf Zahlen, sondern ehemals lebendige Menschen mit ihrer Angst, ihrem Leiden, das ein Gesicht bekam. Wachgerüttelt… danach waren Gespräche möglich mit der älteren Generation. Danach gab es eine andere Art der Auseinandersetzung mit Antisemitismus und rechter Gesinnung. Wachgerüttelt.
Ich denke noch einmal an Greta Thunberg, die sich vorstellt ihre Enkel werden sie in 60 Jahren fragen -mit meinen Worten - Ob wir geschlafen haben….
Ich denke an die Worte eines Anführers des Flüchtlingsstromes nach Europa in dem Film (Der Marsch)- „Ihr seht auf dem Bildschirm zu wie wir verhungern…“

Die biblische Geschichte gibt mir viel zu denken. Ich bin nicht Jesus. Wir sind nicht Jesus. Wir konnten unsere Kinder, wenn sie Angst hatten des Nachts bei Gewitter in den Arm nehmen und in den Schlaf singen, ihnen Geborgenheit und Sicherheit geben.
Wir können einen Augenblick bei Menschen sein, die unsere Hilfe brauchen, jemanden, der, wenn sie es nicht können, hilft das Ruder in verzweifelten Situationen zu halten. Wir können da sein, zuhören, aushalten… Nein, wir können keine Stürme stillen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Jesus Christus, der Auferstandene, uns Verantwortung übergeben hat- nicht zu schlafen, uns zumindest wecken lassen, uns anrühren lassen und nicht wegzusehen.
Und bevor ich Gott die Frage stelle: „Kümmert es dich denn gar nicht…?“ „Wie kannst Du zulassen?“ muss ich mich fragen, wie ich manches zulassen kann und ob ich mich kümmere. Ob ich dahinten auf meinem Kissen vermeintlich sicher schlummere, während andere in Ängsten und Not sind.
„Weck die tote Christenheit, aus dem Schlaf der Sicherheit…mache deinen Ruhm bekannt überall im ganzen Land erbarm dich Herr“, so heißt es in einem Kirchenlied.
Und so nehme ich diese Geschichte mit, von einem der auszog – nicht das Fürchten zu lernen, sondern:
die Hoffnung zu lehren und die Liebe und die Barmherzigkeit und den Glauben. Den Glauben an den, der noch bei mir und uns sein wird, wenn alle Stürme sich gelegt haben und nicht mehr sind und mein Lebensboot, mein kleines Lebensboot am Horizont verschwindet.

Amen.