Predigtreihe zur Jahreslosung Lk 6, 36 und Mt 25, 34-­40 - Pfarrerin Y. Brück, Issum

Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Schöne Worte, oder? Liebe Schwestern und Brüder, so nimmt die Jahreslosung uns mit hinein ins Jahr 2021. Erwartet uns. Heißt uns willkommen. Begleitet uns.

Gott im Himmel über allen Himmeln, der barmherzig ist. Der Schöpfer meines, jeden Lebens, der nicht anders kann als barmherzig zu sein. Denn: Gottes Wesen ist Barmherzigkeit. Sie kann gar nicht anders. Gott, der uns wie eine Mutter liebt, die ihr Kind das erste Mal sieht, in ihrem Schoß birgt, in ihrem Armen wiegt und die von Liebe überflutet wird für dieses aus ihr kommende und für immer zu ihr gehörende Geschöpf.

Gott, dem in diesem Moment einer Geburt gleich sein Herz aufgeht, der von der Liebe zu dem hilflosen Bündel-­‐was der Mensch ist-­‐getroffen wird und ab diesem Moment zu seinem Leben dazu gehörend spürt und weiß und fühlt: „Ich werde alles, alles absolut alles für dich geben.“

Gott ist Barmherzigkeit und kann nicht anders.

„Diese Jahreslosung ist eine, die mich seid Jahren mal wieder anspricht.“ So formulierte es vor kurzem ein Gemeindemitglied. Und ich würde es gerne mit ihr sagen können. Ich würde gerne mit einstimmen: „ Ja, liebe Jahreslosung, so ist es“. Gott ist barmherzig und diese Barmherzigkeit hält die Welt und trägt sie ins und uns durch’s neue Jahr. Gottes Liebe umhüllt die Welt wie ein Mantel, der mich wärmt. Gottes Geborgenheit flüstert mir zu:

„Hab keine Angst. Ich bin ja da“. Und dieses Versprechen gilt für dich, für Sie, für mich, für alle.

Also: Schöne und tragende und berührende Worte – diese Jahreslosung, oder? Wenn, ja, wenn ich sie annehmen könnte. Wenn ich es ihr glauben und es ihr abnehmen könnte.

Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Ich spüre sie nicht. Es scheint so, als wäre sie bereits vor dem Jahr 2020 aus der Welt gegangen. Hat ihr Köfferchen gepackt, noch einmal mit den Schultern gezuckt und sich als verstaubte alte Frau aus dem Staub gemacht. „Wäre schön mit euch gewesen. Hätte echt gut werden können, diese Zeit auf dieser Erde mit euch, die ihr Leben nennt. Aber wisst ihr was: ich hab die Nase voll. Ich renne euch hinterher. Ich mache. Ich tue. Ich gebe nicht auf, es zu versuchen. Aber euer Herz ist verschlossen. Ihr seid in euch verkrümmt und auf euch fixiert. Ich hab hier keine Chance und frage mich gerade, ob ich jemals eine gehabt habe.“ Und dann ging sie, die Barmherzigkeit – ohne mit der Wimper zu zucken oder sich noch einmal umzudrehen.

Das Jahr 2021 fängt genauso holprig an wie das Jahr 2020 aufgehört hat. Ängstigend. Orientierungslos. Haltlos. Wo ist die Barmherzigkeit geblieben?

Da ist Hass und ihre verblendete Rede, so dass Menschen wie irregeführte Schafe einem eigentlich demokratisch gewählten Volksvertreter, der ein Land zerreißt, hinterher rennen und Demokratie mit Füßen treten. Und wir schauen fassungslos zu und vergessen, dass es bei uns vielleicht anders, aber deshalb nicht besser ist, wenn Macht missbraucht wird und Hetze wie menschenverachtende Urteile nicht nur in social media, sondern auch auf den politischen Bühnen zur Tagesordnung gehört. Weil die, die nach Ethnie und Geschlecht, sexueller Orientierung und Religionszugehörigkeit unterscheiden, nicht klein zu kriegen sind und so laut schreien, dass andere das Denken und das Fühlen aufgeben.

Die Auswirkungen der Pandemie bringen uns an unsere Grenzen. Sie scheuchen uns darüber hinaus. So viele Menschen, die an, aber auch unter diesem Virus sterben, weil die Einsamkeit der Isolation uns von allem Lebensnotwendigen abschneidet. Die Wirtschaft soll gerettet werden – kommt das an, beim Frisör um die Ecke, oder dem kleinen Techniker, der als Subunternehmen Kabel bei Konzerten verlegt? Homeschooling und Homeoffice – überforderte Eltern, ein digitalisierter Lehrkörper, sich allein gelassen fühlende Kinder, ein unbeteiligter, weil nicht gefragter Kinderschutzbund. Menschen, die quer über Straßen und Vernunft rennen. Nichts scheint richtig zu sein: an so vielen Stellen wird gemotzt, gemault, gemeckert, weil: man weiß es sowieso prinzipiell immer besser. Gleichzeitig gibt es so eine Grund-­‐Müdigkeit und wir sind an unterschiedlichen Stellen empfindlicher, dünnhäutiger.

Und während wir uns über die Verteilung von Impfdosen und die richtige Reihenfolge der Impfungen streiten, fragt keiner mehr so wirklich nach den Auswirkungen von Corona in Südamerika, Afrika oder Indien. Diese Pandemie fokussiert uns wie unter einem Brennglas auf die wesentlichen Fragen unserer Zeit. Wollen wir hinschauen?

Und: Wenn ein Haus in der Nachbarschaft brennt, würde jeder von uns die Feuerwehr rufen, damit der Brand möglichst schnell gelöscht wird und keiner zu schaden kommt. Oder würden wir es lassen? Werden Ertrinkende im Mittelmeer gerettet, finden die Schiffe keinen Hafen und die Verantwortlichen werden vor Gericht gestellt. Was ist das für eine Welt, in der stärker gegen das Retten als gegen das Sterben vorgegangen wird? Wie gleichgültig begegnen wir den toten Kindern vor unseren Grenzen und einem sterbenden Mindestmaß an Respekt und Demut vor jedwedem Leben. Wer gerade dabei ist zu ertrinken, der ist weder Flüchtling noch Migrant, der ist weder Afrikaner noch Europäer, weder Muslim noch Christ, der ist ein Mensch, der gerade dabei ist, zu ertrinken.

Nur drei von so vielen anderen Punkten, wegen und an denen unsere Welt krankt. Wo bist du Barmherzigkeit?

Im Matthäusevangelium (25, 34‐40) heißt es...(Text siehe anbei)

Über diesem Text steht in der Übersetzung der BasisBibel „Die Rede von Jesus über die Endzeit: Wonach der Menschensohn die Menschen beurteilt.“ Am Ende meiner Tagewerde ich mit aufgeteilt. Nach rechts oder nach links gestellt. Und es wird nicht gefragt, wie fest ich geglaubt, wie oft ich gebetet, wie überzeugend ich meinen Glauben bekannt habe (bitte nicht falsch verstehen: das ist alles wichtig und gehört zum Christsein dazu). Aber bei Matthäus fragt Jesus nach meinem aktiv gelebten Glauben. Nach meinem handelnden Herz. „Was hast du getan? Wo hast du Barmherzigkeit gelebt?“ Wo würden Sie stehen?

Rechts oder links?

In den letzten Tagen habe ich gefragt und von vielen gehört, was für sie Barmherzigkeit bedeutet. Wenn ich versuchen darf, die Antworten der Antwortenden pointiert zusammen zu fassen, dann vielleicht so: „Ein liebendes Herz für jemanden zu haben ohne Erwartungen; ihn trotz allem anzunehmen und da zu sein.“

Was ihr für einen meiner Brüder oder Schwestern getan habt, dass habt ihr für mich getan.Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Ich merke, dass die Worte der Bibel in mir nachklingen. Es berührt mich, was die Menschen geantwortet haben. Ich stelle fest: es ist nicht die Barmherzigkeit, die die Koffer gepackt hat

-­‐es sind wir Menschen, die sie aus unserer Mitte vertrieben und ihr die Koffer vor die Tür gestellt haben. Und ich spüre: Gott war und ist und bleibt immer Barmherzigkeit: so ist er seit Urzeiten in die Ewigkeit hinein. Gott war und ist und bleibt immer Barmherzigkeit, wenn ich es denn zulasse, mich von seiner Barmherzigkeit berühren und bewegen zu lassen. Seine Barmherzigkeit wurzelt in seiner Liebe. Aber auch die kannst du nur dann dich ganz ausnehmend und ausfüllend fühlen, wenn du zulässt, dass Gott dich liebt. Dich Menschenkind und Sie Geschenk Gottes. Liebt ohne Vorleistung, weil in seine Barmherzigkeit hineingeboren. Liebt, weil ein von Menschen definiertes Mängelexemplar in Gottes Augen gut, nein, perfekt ist.

Es ist für mich eine schmerzhafte Erkenntnis, dass die Frage nach der Barmherzigkeit in der Welt bei mir selbst anfängt. Bei Ihnen. Bei dir. Gottes Barmherzigkeit kommt durch uns in die Welt. Aber eben nicht, wenn wir aus Mitleid heraus etwas tun. Sondern nur, wenn wir seine Barmherzigkeit für uns annehmen, mit uns selbst barmherzig sind und sie dann an andere weitergeben. Dann erfüllt sich Jesu Wort: „Das habt ihr für mich und an mir getan.“

Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Wenn es Gottes Wesen entspricht, barmherzig zu sein, dann ist es ein, wenn nicht sogar das Handlungsmerkmal gelebten Glaubens, als Christinnen und Christen  es ihm nach zu tun.

„Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben. Ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.“

Liebe Schwestern und Brüder, das ist ein ganz schön hoher Anspruch, der da in der Jahreslosung drinsteckt und den Jesus uns als „so sollt ihr sein“ vorhält. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Eigentlich ein überforderndes, irgendwie nie in Gänze erfüllbares Postulat, denn wer von uns steht immer zu 100 % in der Annahme der Liebe Gottes; wer liebt sich immer und nimmt selbst sich an ohne Optimierungswünsche an das eigene Sein und Handeln; wer schaut immer auf einen anderen mit lieben Augen und offenem Herzen und stellt gleichzeitig sein Bedürfnis hinten an?

Wir sind Menschen. In uns verhaftet. Um uns selbst drehend. Manchmal ganz schön egoistisch, gemein und fies und nur bis zu den Befindlichkeiten der eigenen Nasenspitze denkend. Damit ist das Projekt Barmherzigkeit doch tatsächlich zum Scheitern verurteilt, oder? Ich kann doch eigentlich jetzt schon sagen: Jesus – das schaff ich nicht. Du musst gar kein Urteil fällen. Ich geh von allein schon auf die andere Seite.

Gott sei Dank kennt Gott uns und weiß um uns und ist und bleibt Barmherzigkeit.

Seid barmherzig– das hat im griechischen Urtext auch etwas von „werden“. Nicht: du musst so sein, sondern: in der steckt die Fähigkeit, so zu werden. Nicht: Seid barmherzig oder sonst seid ihr raus! Vielmehr: Ihr dürft klein anfangen, ausprobieren, herausfinden, euch trauen, mutig sein, Fehler machen und wieder neu anfangen. Werdet barmherzig. Barmherzigkeit ist ein Prozess. Ein Weg. Eine Dynamik. Kein statisches „muss sein“, sondern ein dynamisches „darf werden“.

Werdet barmherzig. Versuchen zu lernen, mit den Augen Gottes zu sehen. Motiviertes Handeln, um für einen anderen, ob mir nah stehend oder am anderen Ende der Welt lebend, das Beste zu wollen. Nicht aufgeben, mein Herz berühren zu lassen. Von Gott. Durch meinen Nächsten. Und jeden Tag neu damit zu beginnen. Mir Gottes Barmherzigkeit in die Hände legen lassen, um sie weiter zu geben an andere. Und wenn es nicht klappt auf Gottes Neuanfang am nächsten Tag vertrauen. Mit dir. Mit Ihnen. Mit mir.

Ja, das Jahr 2021 hat holprig begonnen. Und müde und kräftezehrend und erschreckend und ängstigend. Und wir werden mehr als einmal in diesem Jahr ganz bestimmt noch fragen: „Gott, wo bist du? Du und deine Liebe und deine Barmherzigkeit?“ Wir werden mehr als einmal an unsere Grenzen kommen und nur uns selbst und das eigene Bedürfnis sehen.

Und doch bleiben diese Vertrauen schaffenden, Mut machenden, Leben und Welt verändernden Worte: Werdet barmherzig wie auch euer Gott immer barmherzig sein wird. Amen

Matthäus25,34-­‐40

34 Dann wird der König zu denen rechts von ihm sagen:›Kommt her! Euch hat mein Vater gesegnet! Nehmt das Reich in Besitz, das Gott seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt hat. 35 Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen. 36 Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben. Ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.‹

37 Dann werden die Menschen fragen, die nach Gottes Willen gelebt haben: ›Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38        Wann warst du ein Fremder und wir haben dich als Gast aufgenommen?39Wann warst du krank oder im Gefängnis und wir haben dich besucht?‹40Und der König wird ihnen antworten: ›Amen, das sage ich euch: Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt –und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan.‹

Predigt zum Altjahresabend

Kerken, 31.12.2020 Altjahresabend        Hier können Sie die Einleitungsworte, Gebet und Predigt anhören

Liebe Gemeinde,

Dietrich Bonhoeffer dichtete am Altjahresabend, am Silvesterabend 1944 diese Worte:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last. –

Ach Herr, gib unseren aufgeschreckten Seelen,

das Heil, für das du uns bereitet hast.

Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben

und mit euch gehen in ein neues Jahr.

 

Silvester 1944 ist weit weg. Aber die Worte bleiben. Sie sind geblieben.

In Erinnerung und wichtig für uns. Ungezählte Male von uns gesungen. Gerade auch am Silvesterabend.

„Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last…“

Liebe Gemeinde, ist es heute Abend so?

Eigentlich ist der Silvesterabend ein Abend des Feierns, der Ausgelassenheit, der Freude, der bunten Feuerwerke und lauten Prosits auf das Neue Jahr… Traditionen die – wann auch immer entstanden – den Winter, das Dunkle, das Böse und Schlimme austreiben sollen oder zumindest symbolisieren, dass wir das Belastende hinter uns lassen und neu beginnen….

Aber so einfach ist das in diesem Jahr nicht… „noch will das alte unsere Herzen quälen.“

Erinnerungen an dieses Jahr 2020, an die Herausforderungen, die Pandemie, die uns hier und überall in der Welt überrascht hatte und alles, was bis eben noch geplant und sicher war, ins Wanken brachte.

Und sie ist noch lange nicht vorbei. Auch wenn wir all unsere Hoffnungen auf den Impfstoff richten.

Die Bilder der Jahresrückblicke 2020 mit all den Katastrophen im Zusammenhang mit Corona bleiben in Erinnerung und werden in die Geschichte eingehen… und noch lange nicht sind wir über den Berg, weder in Deutschland noch weltweit.

Wie naiv muten uns unsere guten Vorsätze vergangener Jahre an: Ein paar Kilo abnehmen, aufhören zu rauchen, weniger trinken, mehr Sport…. Im Moment planen wir gar nichts – mal davon abgesehen, dass die meisten Vorsätze ohnehin schon immer in den ersten Januartagen vergessen waren und nichts taugten.

Aber, liebe Gemeinde, eine Jahreswende ist dennoch ein besonderer Moment. Ein Loslassen, ein Losgehen in eine neue Richtung, ein Aufbruch oder das Bewusstwerden eines Weges?

Ein Weg, über den wir uns- in diesem Jahr ohne Böller, ohne große Feiern, ohne lautes Hallo und Hurra Gedanken machen.

Ein Weg, auf dem wir sind- zwischen den Jahren, mit dem was war und dem was kommt – auch wenn wir dies nicht wissen, was auf uns zukommt.

Der Predigttext für den heutigen Abend – auch ein Text des Aufbruches, des Weges, der Ungewissheit und – der Hoffnung? Ich lese aus dem 2. Buch Mose im 13. Kapitel:

„Die Israeliten zogen aus von Sukkoth und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“

Es ist der Weg des Volkes Gottes aus der Sklaverei in Ägypten in die Befreiung. In das verheißene Land. Dieser Text steht am Anfang eines weiten, unsicheren, unbequemen und gefährlichen Weges. Sie brechen auf aus der Pharaonenstadt Ramses und ziehen zunächst an einen Ort namens Sukkoth. Noch lässt der Pharao sie ziehen. Die Verfolgung soll erst noch kommen. Gott führt sein Volk nach Etam am Rand der Wüste. Das Volk Gottes ist auf dem Weg Gottes. Und er führt nicht direkt ins verheißene Land, sondern erst einmal in die Wüste. Der Name Etam heißt so viel wie Grenzbefestigung. Die Hebräer sind noch auf der Grenze, da wo man noch zurückkann.

Da, wo das Alte noch in Sichtweite ist und man den neuen Weg doch nochmal aufgeben könnte. Oder sich zurück sehnt. „Ich will mein altes Leben wieder haben!“

Doch sie kehren nicht um. Und Gott geht vor ihnen her- am Tag in einer Wolkensäule, bei Nacht in einer Feuersäule – damit sie Tag und Nacht gehen können. Und damit sie nicht in die Irre gehen, sich nicht verlaufen. Nicht verlieren. Nicht aufgeben und sich nicht aufgeben. So die Erzählung der hebräischen Bibel.

Liebe Gemeinde, ist das auch unsere Geschichte? So wie Israel die Glaubenserfahrung gemacht hat. Gott geht mit, befreit, erlöst, leitet, begleitet? Gott will das Licht sein, das uns vorangeht ins neue Jahr, in unseren großen oder kleinen Aufbrüchen, in unseren Krisen und Nöten, in den Nöten und Sorgen dieser Welt? Auf diesen Wegen, die wir gewählt oder notgedrungen gehen?

Woher nehmen Menschen die Gewissheit, DASS die Zusage gilt: Gott ist mit uns unterwegs?

Die Bilder am Ende jeden Jahres, die Jahresrückblicke mit all den Katastrophen sprechen doch eigentlich eine andere Sprache. In diesem Jahr noch einmal anders als in den vorangegangenen Jahren!

Soviel Leid, soviel Unheil, so viele Katastrohen. Durch die Pandemie, weltweit – aber nicht nur durch diese. Auch andere Sorgen.

Wer sich das heute Abend vergegenwärtigt, dem ist nicht nach Feiern, nicht nach Jubeln. Nicht nach Feuerwerk und lauten Böllern – so leicht lässt sich das, was uns belastet nicht vertreiben!

Sondern eher Besorgnis und Angst- was wird auf uns und die Welt zukommen?

Aber liebe Gemeinde, klingen uns nicht noch – wenn auch nicht miteinander gesungen – doch die Worte unserer Weihnachtslieder in den Ohren:

„Welt ging verloren Christ ist geboren, Freue dich oh Christenheit.“

Christus ist geboren.

Unsere Wolkensäule bei Tag?

Unsere Feuersäule, unser Licht in der Nacht?

 

Liebe Gemeinde, Ich muss noch einmal einen Schritt zurückgehen zu den Israeliten.

Im Bild unseres Textes vom Aufbruch des Volkes aus Ägypten – wäre ja durchaus zu fragen, ob wir uns nicht allzu schnell auf die Seite des leidenden und unterdrückten Volkes schlagen. Sind wir nicht viel eher satt und zufrieden mitten in „unserem Ägypten“? Zumindest gewesen?

All unser Wohlstand. All unsere Sicherheiten haben uns gebunden. Uns ging es doch gut – und uns geht es doch – ehrlich gesagt und verglichen mit vielen anderen immer noch gut. Sehr gut!

Wozu aufbrechen? Wohin? Das ist dann doch ein Anstoß in dieser Geschichte. Oder?

Für mich gibt es ein entscheidendes Kriterium. Nach dem Sinn – dem Sinn von Aufbrüchen und Wegen zu fragen, die wir gehen – gewollt oder ungewollt!

In denen wir die Gewissheit haben dürfen, dass sie richtig sind. Dass Gott uns begleitet.

Das einzige überhaupt. Dazu blättere ich einige Kapitel in der hebräischen Bibel vor:

Da nämlich, wo Gott Mose seinen Auftrag erteilt. Da wo er Mose anspricht und die ganze Geschichte des Aufbruchs beginnt:

Da wo Gott sagt: Ich habe die Not meines Volkes gesehen. Ich habe die Not meines Volkes gesehen.

Es geht nicht um irgendeinen Weg. Es geht nicht um Larifari. Es geht um die Not von Menschen. Da ruft Gott zum Aufbruch. Da verspricht er Weggefährte zu sein. Da geht er mit durch Wüsten, Angst, Gefahr. Unsicherheiten. Durch Entbehrung hin zum Neuanfang. Ob immer so klar und deutlich beschrieben wie hier: Bei Tag in einer Wolkensäule, bei Nacht in einer Feuersäule? Gerade in den unfreiwilligen Aufbrüchen, Veränderungen, denen, die wir uns nicht ausgesucht haben und wir doch weitergehen müssen – scheint oft kein Licht – so scheint es. Da scheint es dunkel drum herum.

Ist alles nur dunkel drum herum? Wo ist da Gott? Wo sein Licht? Wo seine Begleitung und Führung, damit wir uns nicht verirren, uns nicht verlieren.

„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Schuld,

doch wandert nun mit allen, der Stern der Gotteshuld.

Geglänzt von seinem Lichte, hält dich kein Dunkel mehr.

Von Gottes Angesichte, kam euch die Rettung her.“

Dichtete Jochen Klepper.

 

„Ich habe die Not meines Volkes gesehen.“ Sagt Gott.

Ist das nicht der Grund, warum Gott Mensch geworden ist, sich tief hinabbeugt zu seiner Welt. Wie eine Mutter, ein Vater zu seinem kranken Kind? Sein Licht vorangehen lassen will er in Jesus Christus?

Wissen Sie, ich lasse das Jahr noch einmal revuepassieren – mein eigenes, das unserer Gemeinde, und manch ein Blick auf das Geschehen in dieser Welt.

Es gab unendlich viel Trauriges, Erschütterndes. Ereignisse, die uns sprachlos machen.

Und – es gab Bewahrung, da gab es notwendige Entscheidungen, da gab es Neues, das gewachsen ist wie Solidarität und Hilfsbereitschaft. Engagement für andere. Und es gab vieles, das uns ganz neu herausfordert. Und die Sehnsucht bei Menschen, dass irgendwo ein Licht zu sehen wäre.

Wenn das Kriterium für Aufbrüche, die Gott begleitet, und für Wege, auf denen er bei uns ist, das ist, dass er es ist, der die Not sieht – ist das nicht dann auch unser Kriterium?

Die Not der Menschen, die noch einmal viel mehr von der Pandemie betroffen sind, wirtschaftlich, existenziell, persönlich? Die noch einmal mehr in Armut gestoßen sind, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit?

Vielleicht nicht in unserem Land, in dem es Gott sei Dank staatliche Hilfen gibt – aber in anderen Ländern.

Oder Menschen, die ihre Heimat verlassen - müssen - ungewiss wie es weitergeht.

Ungewiss, liebe Gemeinde, wie die Wege sind, all das zu stemmen. Und dennoch – Gott sieht die Not seines Volkes.

Da ist so viel Besorgnis über die Zukunft unseres Planeten, das Klima, das Wasser, die Luft, die Arten, die täglich sterben, die Ressourcen…

Wie können wir das packen und stemmen – nicht ohne die Fleischtöpfe und unsere Bequemlichkeit zu verlassen! Und wenn es stimmt, dass Gott die Not seines Volkes sieht, dann müssen wir sie doch auch sehen – die Mitgeschöpfe, die eine Art nach der anderen aussterben, die Inseln, die absaufen, die Meere und Ozeane, die abzusterben drohen.

Und ich bin dankbar für den Aufbruch, vor allem den, den die Jugend mit ihren Protesten „for future“ in Gang gesetzt hat.

Da ist so vieles, das im Moment das Miteinander der Völker bedroht, wieder aufkeimender Nationalismus, Fremdenhass, rechte Gesinnung. Auch wenn die Medien darüber im Moment wenig berichten… Wenn Gott die Not seiner Menschen sieht, und mitgehen will, dann sollen wir es auch: Gegen Hass, Demagogie, gegen rechte Parolen, Abschottung und Menschenverachtung ein Zeichen setzen: ich bin dankbar für all die, die Zeichen der Solidarität und für die Würde der Menschen setzen. Ihre Stimme erheben, auch wenn es im Moment nicht in Demonstrationen und friedlichen Kundgebungen geschehen kann.

Ich bin dankbar für unsere Willkommenskultur in unserem kleinen Ort und unseren Gemeinden und ich glaube, dass hier ein Licht ist, das in Jesus Christus seinen Ursprung hat, und das wir leuchten lassen dürfen. So klein es aufs Ganze gesehen sein mag.

Einige Beispiele, von denen ich denke, es sind Aufbrüche, oder Wege, auf denen wir längst sind. Zwischen Sukkoth und Etam, zwischen dem Gewohnten und dem Neuen, zwischen dem, was uns und Menschen bindet und dem, was, wenn auch noch ungewiss, auf uns zukommt.

Auf dem Weg zu sein heißt nicht schon am Ziel zu sein. Und oft genug stellen wir sicher die Frage: „Packen wir das?“ Und sicher gibt es auch Rückschläge. Enttäuschungen. Schwierige Zeiten.

Befreiung braucht Zeit!

„Sie lagerten in Etam am Rande der Wüste.“ Schreibt der Predigttext. Und es folgte ein weiter mühsamer Weg von 40 Jahren, so erzählt die Bibel.

Wissen Sie, für mich heißt Aufbruch nicht immer den Ort zu wechseln. Und einen neuen Weg zu beschreiten heißt nicht ihn in Kilometern zu gehen!

Sich auf dem Weg zu machen kann auch manchmal heißen: Festzuhalten, kämpfen (natürlich nicht mit Waffen) aber kämpfen und widerstehen! Die Hoffnung nicht aufzugeben und den Blick nicht aufhören auf Gott zu richten - dann wird er uns begegnen vielleicht in Wolken-, vielleicht in Feuersäule - oder auf jeden Fall in seinem Sohn Jesus Christus, unseren Herrn.

Und ich kann von mir sagen, dass ich auf meinen Wegen – im Gehen oder im Widerstehen Gottes Führung erfahren habe. Auch wenn manche Nacht dunkel schien oder ich mich auf Umwegen glaubte.

Und wenn es einen VORSATZ gibt - nein zwei - ich kann mich nicht entscheiden - dann diese für mich im neuen Jahr:

I: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit.“

II: Und „Fürchtet Euch nicht“.

Und diese Worte leuchten mir und hoffentlich auch Ihnen den Weg.

Mit einem Wort eines Kollegen, Dietrich Bonhoeffer habe ich begonnen.

Mit Worten eines Kollegen – naja eines Pfarrers zumindest und der auch Ratsvorsitzender der EKD ist möchte ich schließen. Weihnachten, Gottesdienst auf dem Hauptbahnhof in München. Ein ungewöhnlicher Ort für einen Weihnachtsgottesdienst. 2016 war das erste Jahr nach „welcome refugees“.

Ein Ort der Ankünfte oder auch der Aufbrüche, der Wege und für manchen auch Umwege. Dennoch:

If people are worried and ask the question: Will we manage? The Christmas response is: Yes, we will manage. We will manage if we open our hearts to this energy of love, which has come into the world with the birth of Jesus.

Wenn Menschen Angst haben, besorgt sind und sich fragen: Schaffen wir das? Dann ist die Weihnachtsbotschaft: Ja, wir schaffen das. Wenn wir unser Herz dieser Kraft öffnen, dieser Kraft der Liebe, die in die Welt gekommen ist mit der Geburt von Jesus Christus. Wir werden es schaffen, wenn wir in Beziehung leben zu Gott, der sichtbar in diese Welt gekommen ist als einer der geringsten von unseren Brüdern und Schwestern. Es gibt keinen Grund Angst zu haben, wenn wir verbunden bleiben mit Gott und dieser faszinierenden Kraft, die von Gott in diese Welt kommt. Lasst uns – wie die Schafhirten auf den Feldern auf die wundervolle Botschaft hören, die die Engel bringen: Do not be afraid. Fürchtet euch nicht.

Amen.

Ich wünsche Ihnen und all Ihren Lieben einen gesegneten Abend und ein frohes Neues Jahr. Mit unseren Konfirmanden haben wir immer gesungen und werden es hoffentlich bald wieder tun: Geh unter der Gnade… Gehen Sie unter der Gnade ins Neue Jahr, gehen auch Sie mit seinem Segen. Das wünsche ich Ihnen und uns allen.