Predigt zum Sonntag Exaudi am 24. Mai 2020


Lass uns noch einmal von vorne beginnen!
Predigt zum Sonntag Exaudi am 24. 5. 2020

Lass uns noch einmal neu anfangen!
Liebe Gemeinde,
das hat sich vielleicht mancher von uns in seinem Leben schon einmal gewünscht.
Nach einer schwierigen Zeit in einer Partnerschaft. Vielleicht nach einem vermeintlichen Aus! Nach einem unverzeihlichen Fehler! Nach Zeiten, in denen nur noch gestritten, gezankt, geschwiegen wurde, in der Eiseskälte war, nichts geht ging – und doch zugleich: „Du bist mir so viel wert. Ich will dich nicht verlieren. Verliere auch du mich nicht. Bitte! Gib mir, gib uns eine Chance.“
Lass mich noch einmal neu beginnen! Die Uhr zurückdrehen, vielleicht nach der Diagnose einer schlimmen Krankheit! Verhandeln mit Gott! Ich tue auch alles, wenn ich nur wieder gesund werde. Oder er. Oder sie. Wenn es einen unserer Lieben betraf!
Lass uns neu beginnen, lass uns aufatmen, wieder in die Spur kommen- wenn es mit dem Betrieb, dem Geschäft abwärts ging. Oder Arbeitslosigkeit und finanzielle Sorgen da waren, die einem über den Kopf gewachsen sind!
Neu beginnen. Stunde Null.- auch nach dem Krieg, an dessen Ende vor 75 Jahren wir am 8. Mai gedachten. Neu beginnen mit Versöhnung zwischen den Völkern, den Juden, den Franzosen, den Niederländer, den Engländern, allen….
Die Bedeutung eines geeinten Europas ist nicht hoch genug einzuschätzen.
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Lass noch einmal neu beginnen, bedeutet auf eine Chance zu hoffen – eine nur, dann wird alles gut. Vielleicht kennt jeder von uns so eine Zeit, eine Zeit nach Krise und Leiden, nach Sorgen und Ängsten, nach Bedrohung oder vielleicht auch Fehlern und Irrwegen. Neu beginnen!
Liebe Gemeinde, neu beginnen- auch jetzt in diesen Zeiten der Krise. Erinnern wir uns, wie sie begann und vor allem im Anfang des Verlaufes der Pandemie war-
Erst war bei vielen vielleicht der Gedanke: So schlimm wird es wohl nicht sein!
Dann kamen die ersten Befürchtungen: Oder ist es gar schlimmer als wir uns vorstellen können!
Es tauchten die Bilder und Zahlen der an Covid 19 Verstorbenen aus China, Italien, Spanien, Frankreich auf!
Schließlich das beinahe klaglose Annehmen der Vorsichts- und Hygienemaßnahmen- auch wenn die Sorge da war: was wird aus dem Betrieb! Wie soll Homeoffice mit kleinen Kindern zu Hause gehen! Was wird mit mir, wenn ich nicht mehr rausgehen kann, keinen Besuch erhalte! Bis dahin: die alten Eltern, Geschwister, Freunde - sie allein im Krankenhaus, Altenheim, Hospiz zu lassen. Lassen zu müssen!
Oder auch die Frage: Welche wirtschaftlichen Konsequenzen wird der Lock down nach sich ziehen? Auch diese Frage wurde hintenan gestellt. Es ging erstmal darum Leben zu schützen!
Da war bei so vielen als niemand wusste, was nun kommt, die Sehnsucht: Neu beginnen! Von Vorne anfangen! Gib uns eine Chance. Ja- auch Gott, Gott, gib uns eine Chance. Viele Gebete, die so zum Himmel gesandt worden sind.
Sowas sagt man, sowas denkt man, wenn man in einer Krise befürchten muss: Alles ist verloren. Oder Alles könnte verloren sein. Oder zumindest sehr viel könnte verloren gehen.
Die zurückliegenden Wochen waren eine Krise bei uns und überall auf der Welt. Es ist immer noch eine Krise- auch wenn wir hier so ein bisschen das Gefühl von aufkeimender Normalität haben und es dem einen oder anderen jetzt nicht schnell genug gehen kann mit dem Neuanfang!
Oder dem Da Weitermachen, wo man aufgehört hat?
Ein Wettlauf der Länder und Politiker hat längst eingesetzt, was und wer jetzt ganz schnell dran ist mit dem Neubeginn. Dem Wiederstart.
Auch wir dürfen uns wieder treffen- immerhin zum Gottesdienst , auch wenn unter sehr fremd anmutenden Abständen zwischen unseren Bänken und Stühlen, Ohne Gesang, ohne Händedruck. Mit Mundschutz und Namenslisten. Aber wir dürfen wieder zusammen sein.
Liebe Gemeinde,
In den Fenstern hingen und hängen seit Wochen von Kindern gemalt die bunten Regenbogen: „Alles wird gut“. Sie erinnern an die biblische Geschichte von Noah, der Sintflut, der Rettung, dem Zeichen, das Gott Noah und uns allen gegeben hat: Nie wieder die Erde zu verderben. Der Regenbogen, der als Zeichen der Hoffnung am Himmel erscheint und von Gottes Fürsorge – ja seinem Bund fortan mit den Menschen symbolisch spricht.
Nicht nur die Kinderbilder in den Fenstern. Überhaupt gab es so viele Zeichen der Hoffnung, der Zuversicht, der Solidarität. Die Zahl der Menschen, die in diesen Zeiten anderen helfen wollte war zumindest hierzulande so viel größer als die derer, die um Hilfe suchten.
Ob zum Einkaufen oder für andere Dinge. Menschen kamen plötzlich in den Blick, deren Dienst oft übersehen wird:
Die Helden, die beklatscht wurden: Krankenschwestern, Pfleger und Pflegerinnen, Ärzte, ja bei den Kassiererinnen im Supermarkt bedankte man sich. Und überall gab es fantasievolle Dinge, die trotz Distanz von Nähe und Zusammenhalt, von Hoffnung und Zuversicht zeugten. Hoffentlich haben wir hier ein Langzeitgedächtnis und nicht morgen schon wieder all das vergessen.
Liebe Gemeinde,
genau das brauchen wir Menschen in solchen Zeiten: Hoffnung und Zuversicht. Wir alle brauchen das. Und wir brauchen jemanden, der uns Hoffnung und Zuversicht geben kann.

Am heutigen Sonntag, dem ersten nach Wochen, an dem wir wieder unsere Kirchentüren öffnen können- in diesen Tagen, in denen die Ungeduld nach „Lass uns beginnen“ bei vielen groß ist- beginnen zu reisen, beginnen zu feiern, beginnen in Restaurants zu gehen, uns gegenseitig ohne Mundschutz und Abstand zu begegnen, Kinder wieder in die Tagesstätte zu schicken, regelmäßig arbeiten zu können…und Tagen, in denen gleichzeitig unser Erschrecken da ist, wenn wieder irgendwo ein neuer Hotspot der Infektionen auftaucht- gar in einer Kirche bei einem Gottesdienst oder nach einem Fest in einem Lokal, Tagen, in denen wir immer noch von den Wellen der Infektionen in Kolumbien, Amerika, Brasilien, Afrika hören und ahnen: Es ist noch nicht vorbei!
Da in diesen Tagen, da, an diesem Sonntag erreicht uns ein Hoffnungswort.
Ein Hoffnungswort aus längt vergangen Zeiten. Ein Hoffnungswort für einen Neuanfang. Nein, nicht heraus aus oder hineingesprochen in eine Pandemie- aber gesprochen in einer Krise ungeheuren Ausmaßes.
Jeremia ist es, der Prophet- im 6. Jahrhundert vor Christus. Er, der vorher vergeblich das Volk Israel gewarnt hatte im Namen Gottes – das Volk, das sich zuletzt so wenig um Gott und seine Gebote geschert hatte, denen alles andere wichtiger geworden war als das, was Gott in seinen Geboten ihnen mitgegeben hatte für ihr Leben- . Das Volk, das- aufgespalten in Nord und Südreich- jetzt so sang und klanglos dabei war unterzugehen!
Die Obersten waren ins Exil nach Babylonien geführt, die Städte zerstört, nichts ging mehr!
Diesen Menschen, seinen Zeitgenossen spricht er ein Wort der Hoffnung zu: (Jer. 31, 31- 34)
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen. Nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm , um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr,
sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den anderen noch ein Bruder den anderen belehren und sagen: Erkenne den Herrn, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben, und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
Liebe Gemeinde, wir sind nicht das Haus Juda und nicht das Haus Israel. Und es sind auch nicht feindliche Mächte, die unseren politischen Untergang herbei führen, auch wenn Verschwörungstheoretiker dies in die Welt setzen.

Und es sind nicht wir und nicht mal die Israeliten, die sagen: Lass uns noch einmal neu beginnen:
Es ist, zumindest erzählt es so der Prophet, Gott selbst, der den Neuanfang will, der sagt: Lasst uns neu beginnen. Ich will neu beginnen mit Euch! Die ihr mir am Herzen liegt.
Einen Bund will er schließen, einen neuen Bund, da der alte gebrochen war- der, den Gott damals am Sinai mit den 10 Geboten besiegelt hatte, (nachdem er sie an der Hand genommen und aus Ägypten geführt hatte- was für ein beinahe zärtliches Bild. )
Die Israeliten empfanden ihren staatlichen Untergang, die Katastrophe als Strafe Gottes, weil sie -so deuteten sie es -Gott vergessen und seine Gebote nicht mehr geachtet hatten.
Einen neuen Bund will Gott aber schließen. Diesmal ganz anders! Einen Bund, in dem seine Gesetze der Liebe nicht auf Tafeln oder Papier geschrieben sind, sondern jedem und jeder ins Herz gegeben und in den Sinn geschrieben. „Und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“
Was ist ein Bund, liebe Gemeinde.
Ein Bund Radieschen, ein Bund Blumen, ein Bündel Papier, ganz banal?
Oder etwas Großes wie ein Staatenbund, ein Ehebund…
Ein Bund bringt und hält zusammen, was zusammen gehört. Gegenstände. Ja, das auch. Aber vor allem Staaten. Menschen. Partner.
Auch Gott und uns Menschen.
Und das, was darin wichtig, was verpflichtend ist, unaufhebbar ist, damit er nicht gebrochen wird, damit dieser Bund hält, das steht nicht in Stein gemeißelt, das steht nicht auf Papier, auswendig zu lernen, das ist auch nicht ein materielles Symbol wie ein Ring oder der Anhänger einer Kette oder gar eine Tätowierung wie heute bei jungen Menschen üblich- …es steht im Herzen, es steht im Sinn.
Liebe Gemeinde, wenn wir eines gelernt haben in den vergangenen Wochen, ich meine nicht gelernt vom Kopf her, sondern vom Herzen, im tiefsten Inneren: dann das, wie sehr wir andere Menschen brauchen und andere Menschen uns brauchen. Wie sehr wir auf Solidarität, auf Rücksicht, auf Empathie, auf Hilfsbereitschaft angewiesen sind. Wir gehören zusammen!
„Wir sind ein Team und als Team schaffen wir das“, hatte die neuseeländische Premierministerin ihre Bürger in ihrem radikalen Lockdown ermutigt. Neuseeland hatte unglaublich geringe Infektionszahlen und Tote zu beklagen.
Wenn plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist, so haben wir erfahren, zutiefst gespürt, so ist es allein die Liebe, die Empathie, die Verantwortung für einander, aber vor allem für die Schwachen und Schwächsten, die trägt. Was ist das anderes als Liebe, die ins Herz geschrieben ist? Eine Erkenntnis, die Gott uns nicht ins Ohr, sondern ins Herz geflüstert hat.
Vielleicht fing da, als wir uns am meisten sorgten das Neue schon an?

Lass uns beginnen, neu anfangen, anders und nun haben wir etwas im Herzen begriffen! Oder?
Darüber denke ich oft nach, was das war, was das ist und was bleiben wird von dem, was uns in Covid 19- Zeiten ins Herz geschrieben wurde, wenn Solidarität auch nicht an den Ländergrenzen endet, medizinische Hilfsmittel über die Länder- und Kontinent Grenzen hinaus geschickt werden, Patienten in Krankenhäusern anderer Länder aufgenommen werden, weil da noch Kapazitäten sind…
Was wird bleiben von dieser Erfahrung im Herzen, wie wenig man von bestimmten Dingen, gerade materiellen Dingen braucht- wieviel aber von Nähe und Anteilnahme und Rücksicht…auf der anderen Seite.
Neu beginnen. Nicht einfach da anknüpfen, wo wir ruckartig gezwungenermaßen aufhören mussten. Das gilt auch für unseren Umgang mit der Schöpfung, das gilt für unseren Umgang mit Menschen anderer Länder, die, wie nannte es einer zu „Wegwerfmenschen“ degradiert werden um billig und noch billiger zu arbeiten, das gilt für unser Konsumverhalten und unser Freizeitverhalten. Was wird bleiben von dieser Schrift in unserem Herzen?

Und Gott?
Liebe Gemeinde, es kann am Sonntag Exaudi- Herr erhöre mein Gebet - und in diesem biblischen Text natürlich nicht nur um ein bisschen Umkehr und Menschlichkeit gehen.
Es geht um Gott und seinen Bund mit uns Menschen.
Gott hat später, viel später noch einmal einen Bund geschlossen, indem er Mensch wurde. In Jesus. So ein Mensch wie wir, weil wir es offenbar brauchen- genau das Menschliche, genau die Sache mit der Liebe, genau die Sache mit der Vergebung, genau die Sache mit der Umkehr. Genau die Sache mit der Hinwendung zum anderen. Und genau mit der Frage, was im Leben wirklich zählt. Darauf hat Gott uns in Jesus eine ziemlich menschliche und klare Antwort gegeben.
Und dann gibt es noch einmal Zeichen des Bundes- nicht in Stein, nicht auf Papier, weil in einem Bund zusammen sein soll, was zusammen gehört.
In unserer Taufe und dem Abendmahl. Auch Zeichen des Bundes mit Gott. Zusammen soll sein, was zusammen gehört.
Damals, zu Jeremias Zeiten ist es Gottes Wort an die verängstigten, verzweifelnden Israeliten: Siehe, es kommt die Zeit…Sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.
Und heute?
Liebe Gemeinde, der Sonntag Exaudi, er steht zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Er ist eine Erinnerung an die Zeit des Wartens. Ich meine nicht darauf, dass wir endlich wieder alles können oder dürfen- wie vor ein paar Wochen noch.
Der Sonntag Exaudi ist die Erinnerung daran, dass Jesus den wartendenden Jüngern und uns versprochen hat einen Tröster zu schicken: den Heiligen Geist, der Glauben bringt, Wahrheit, Trost, Liebe, Gemeinschaft, Zusammenstehen. Gottes Liebe – ins Herz gegeben und in den Sinn geschrieben.
Manchmal kann man das fühlen.
Mal mehr, mal weniger.
Man kann sich danach sehnen, sich davon beschenken lassen und dabei wissen: Gott hat gesagt „Lass uns neu beginnen“. Jeder Tag bietet eine Chance dafür.
Gute Tage. Schwere Tage. Krisentage. Und auch Tage, an denen die Sonne scheint und wir aufatmen und unsere zurückgewonnene Freiheit genießen dürfen.
An keinem Tag ist es bei Gott dafür zu spät. Und auch nicht unter uns. „Siehe, es kommt die Zeit“, spricht der Herr.
Das ist ein Warten, das sich lohnt. Ein Warten, das uns einlädt dabei nicht ungeduldig oder untätig zu sein und die Hände derweil in den Schoß zu legen , sondern in unseren Möglichkeiten nach seinem Wort versuchen gemeinsam zu leben und zu handeln und auch die Hände zu falten zum Gebet.
Exaudi- Herr erhöre mein Gebet.
Lass uns noch einmal neu beginnen! Wird nicht eine Bitte, sondern die Antwort sein.
Wer sagt das? Wer genau hinhört weiß es: Kein anderer als Gott.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

 

 

Predigt vom Sonntag, 10. Mai 2020

Kantate, das heißt: Singt.
Predigt zum Sonntag Kantate von Pfarrerin Latour
„Ich wollte immer eine Musik machen, die die Herzen der Menschen erreicht.“

Er heißt Daniel. Daniel B. Er ist Berufsmusiker. Hochbegabt. International berühmt. Ausgebucht mit Konzerten bis in die nächsten Jahre. Aber auch hin und hergetrieben. Innerlich unruhig. Unzufrieden und auf der Suche. Wonach?
Ein Herzinfarkt reißt ihn heraus aus allem, was bis dahin sein ganzes Leben war. Der Terminkalender ist das erste Mal in seinem Erwachsenenleben leer. Vollkommen leer.

Er kehrt mit angeschlagenem Herzen und dem Wissen, dass ihm vielleicht nicht mehr viel Zeit gegeben ist in sein verschlafenes schwedisches Heimatdorf zurück. Warum, das vermag er selbst nicht genau zu sagen. Man tut manchmal Dinge, die man nicht erklären kann. So ist er aus der großen weiten Welt gelandet an ihrem Ende.

Er bezieht die heruntergekommene, alte, ungeheizte Dorfschule und möchte eigentlich nur seine Ruhe haben um auf die Stille hören.

Der sonderbare Fremde wird aber bald schon von Menschen des Ortes bedrängt. Er soll den kleinen Chor der Gemeinde übernehmen- er lässt sich schließlich breitschlagen.
Eine wahre Trümmertruppe findet er vor, zusammengesetzt aus den unterschiedlichsten Typen, Käuzen und Menschen. Jeder mit seiner Lebens- und Leidensgeschichte. Jeder mit seiner persönlichen, z. T. tonnenschweren Last, der man erst beim zweiten Hinsehen gewahr wird: Unerfüllte Pfarrersfrauen, geschlagene Ehefrauen, Unterdrückte und Gemoppte, unglückliche Lieben, Verklemmte, Ehrgeizlinge, Uralte und Taube und schließlich ein Junge mit einer geistigen Behinderung.

Zunächst droht Daniel zu scheitern. Aber mit viel Geduld, indem er auf die einzelnen Menschen und ihre Seelen hört, gelingt es ihm jede und jeden einzelnen von Ihnen zu befreien, ein Stück zu erlösen. Und indem er lernt diese Menschen zu lieben befreit er nicht zuletzt sich selbst.
Er lehrt sie ihren eigenen Ton zu finden. Jeder hat seinen Ton und seine Melodie und das Zusammenspiel all dieser Töne und Stimmen und Menschen und Seelen wird am Ende ein Stück so sein Wie im Himmel.

Liebe Gemeinde,
Ein wunderschöner schwedischer Film, der vor einigen Jahren in den Kinos
dieser Welt lief und in dessen Mittelpunkt nicht Daniel B, sondern die Musik stand.
Ja, die Musik. Aber, was ist das denn schon?
Zunächst ein paar Blätter Papier, ein paar schwarze Linien mit Noten darauf.
Vielleicht ein paar Worte, Verse darunter. Mehr ist es doch nicht? Oder?

Das eigentliche Wunder beginnt, wo ein Paar Augen oder auch mehr diesen Noten folgen, sich eine Stimme erhebt, eine menschliche oder die eines Instrumentes, ganz leise und zart oder auch aut.
Wo mehrere Stimmen oder Musiker sich schließlich zusammenfinden und singen oder musizieren.

Bereits im Mutterleib, so heißt es, hören Ungeborene die singende Stimme von außen. Der Herzschlag der Mutter ist der erste Rhythmus, der uns begleitet.
Wohl den Kindern, die das Glück haben in den ersten Jahren ihres Lebens in den Schlaf gesungen zu werden. Niemand wird ihnen dieses Wissen vom Geliebtsein und Geborgensein rauben.

Musik begleitet uns, auch wenn wir keinem Chor oder Posaunenchor angehören, ja selbst wenn wir kein Instrument spielen, doch unser ganzes Leben.
Und Musik wird uns erreichen, wenn wir alt und krank sind und kaum noch etwas anderes wahrnehmen können.

So sang Karl Barth seiner inzwischen verwirrten theologischen Partnerin, mit der er tausende von Seiten kirchlicher Dogmatik erarbeitet hatte, als sie kein Strahl der Wirklichkeit mehr erreichte, treu Sonntag für Sonntag Choräle, so wird erzählt. Und wie viele von uns tun es ihm an Kranken- und Sterbebetten gleich. Und erleben wie Menschen, die nicht mehr sprechen, kaum noch da sind plötzlich für einen Moment erwachen. Und bin glücklich, dass ich in den nächsten Tagen meiner Mutter im Heim wieder vorsingen darf: „Der Mond ist aufgegangen“. „Weißt Du wieviel Sternlein stehen“. „So nimm denn meine Hände.“

Was ist das, liebe Gemeinde, die Erinnerung an ferne Zeiten, Kindheit, Erfahrungen von Geborgenheit und Zuhause, die tief verwurzelt sind?
Oder das Resultat von ehemaligen Konfirmandenstunden, in denen noch- anders als ja heute- so richtig auswendig gelernt wurde, eiserne Ration für das Leben gepackt.
Ja, sicher auch das Resultat einer anderen Art des Lernens- aber sicher ist es mehr.

Worte, Psalmverse. Liedtexte, Melodien, die Menschen etwas bedeuten und bedeuteten, mit Bildern, von denen sie lebten und ihr Leben gestalten.

Was wird aber aus unseren Kindern, wenn sie solche Stellen der Prägung gar nicht mehr kennen? Wessen Lieder wirst du singen? So fragt ein modernes Tauflied nach?
„Welche Lieder werden sie singen und welche Worte werden ihnen einfallen in den Zeiten der Kargheit?“ - stellt einer fest, „ich habe den Eindruck wir tun alles um unseren Kindern das äußere Leben zu ermöglichen, fast nichts aber um sie spirituell zu ernähren.“
Ja, woran können sie sich festhalten, die Kinder, die fragen, warum so grausames geschieht womit unsere Zeitungen täglich gefüllt sind- oder, auch davor bleiben Kinder und Enkelkinder nicht verschont, wenn der Tod oder Krankheit oder manch anderes Unverstehbares einbricht in das eigene Leben oder das von Menschen, die wir kennen , Kinder, für die der Himmel dann einfach nur leer ist.
Und vielleicht geht es Ihnen ja wie mir, dass sie mir in diesen Wochen so sehr fehlt- die Musik der Chöre, ein Konzert, die Klänge vom Üben unserer Jugendlichen und Kinder im Gemeindehaus und der Gesang unserer Gottesdienste.

Was wären unsere Gottesdienste ohne Musik, ohne Gesang, ohne Chor, ohne Posaunen, Orgel, ohne unsere neuen oder alten Lieder.

Die Predigt ist wichtig, Gebete, Schriftlesung, die Übertragung in die heutige Zeit, gute und kritische Worte. aufbauend und tröstend, wegweisend, anregend.
Aber die Lieder sind doch nicht nur Lückenfüller, nicht nur Möglichkeit zur aktiven Beteiligung der Gemeinde.

Sie sind selbst Predigt, sind selbst Gebet, sind Bitte und Dank und laden uns ein mit anderen vor Gott zu treten, mit anderen sich des Glaubens zu vergewissern,
oder sich auch von anderen mit den Liedern und Texten tragen zu lassen, wo ich vielleicht nur schweigen kann, sprachlos bin und fassungslos.

Und wenn wir dann die Kirche verlassen, dann begleiten uns manchmal Gedanken der Predigt vielleicht, wenn’s einigermaßen war, aber die Melodien der Lieder, der Eindruck der Musik, die wir hörten, wird bleiben, die tragen wir durch die Kirchentür ein Stück hinaus in unser Leben. Oder irre ich mich? Darum wird es uns in den nächsten Wochen, wenn unsere Gottesdienste wieder möglich sind schwer fallen NICHT SINGEN zu dürfen. Aber wir dürfen hören und innerlich einstimmen!

Weil Menschen wussten, immer schon, wie wichtig Lieder für uns sind, haben sie gedichtet und gesungen,
Mose und Mirjam, Jesaja und die Psalmdichter, Paulus und Johannes, der Seher,
Luther und Melanchthon, Paul Gerhard und Philipp Nicolai, Bach und Henry Purcell.
Und seitdem unendlich viele, die erkannt hatten, welche Chancen im Gesang liegen, ihren Glauben auszudrücken und weiterzugeben, Glauben, den wir nicht nur verstehen, sondern auch erfühlen können.

Ich habe als Predigttext zum heutigen Sonntag Kantate, an dem wir nicht zusammen singen können, ein winziges Wort genommen aus dem Psalm 22.

„Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.“

Ein Psalm, der mich erkennen lässt wie klein ich bin und ohnmächtig und verloren, sage ich.
Ein Psalm der mich emporhebt zu dem, der über den Lobgesängen Israels thront von Ewigkeit zu Ewigkeit, sage ich auch.

Die Worte des Beters holen mich ab in meiner Ohnmacht und Verlorenheit. Haben alle Beter der vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende abgeholt, seelsorgerlich, liebevoll mithineingenommen in die große Geschichte der Menschen, dem Zug, all derer, die von langen Straßen mühsamen Wegen ihm entgegengehen (Auch eine Zeile eines Liedes).
Und diese Worte, diese Lieder, sie sind eine Einladung nicht loszulassen, nicht aufzugeben, nicht lockerzulassen, es sei denn, du segnest mich, Gott, sagt Jakob in seinem Kampf am Jabbok, es sei denn, du erhörst mich, du kehrst dich wieder zu mir,
„Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern,
ich will dich in der Gemeinde rühmen. Rühmet den Herrn, die ihr ihn fürchtet, ehret ihn, ihr alle vom Hause Jakobs, ihn, der thront über den Lobgesängen Israels.“
Und er lädt zum Beten und Singen ein, mit für unsere Ohren fremden Bilder.
Es sollte helfen die Augen zu erheben, den Himmel wieder zu sehen. Den Himmel wieder zu sehen.
Schon jetzt sollte das, worauf er, der Beter hofft, alle ein Stück hoffen, was sich alle sehnlichst wünschten in Aussicht gestellt werden. Und es würde ja kommen und sollte darum jetzt schon Mut machen und helfen durchzustehen. Und so wird es gewesen sein.
Damals und heute, einem Sonntag, an dem wir nur alleine singen können. Oder mit unseren Engsten zuhause.
„Die eigene Einsamkeit verlassen, sich verankern in den Hoffnungen der Vielen,“ so nennt es ein Theologe, der weiß, was die gottesdienstliche Gemeinschaft Menschen bedeuten kann, vielleicht auch denen, gerade denen, die selbst leer sind und vielleicht auf einem Tiefpunkt des Glaubens.

Wenn die Gemeinde damals diesen Psalm sang oder sprach – Jesu Worte am Kreuz stammen genau aus diesem Psalm, Worte, die sie aus dem Alltag emporhoben in eine noch ferne, aber zukünftige Welt.
Wenn die Gemeinden bis heute ihre Choräle und Lieder singen- nicht irgendwelche Liedchen, sondern Lieder von Glauben und Hoffnung, von Not und Bewahrung, von Zukunft und Sinn. Von Gott.
Lieder, die gegen die Wirklichkeit protestieren, die oft grau und freudlos ist, ja grausam und brutal.
Lieder singt die Gemeinde damit, die uns noch nach 2000 Jahren mitnehmen möchten auf dem Weg des Glaubens. Und oft genug sind sie entstanden in Zeiten, die alles andere waren als friedlich und schön und in denen manchmal Wort für Wort, Note für Note doch auch erkämpft waren.

Paul Gerhardt, in Zeiten des 30 jährigen Krieges als die Pest durch das Land ging und fette Beute machte auch in seiner Familie, da dichtet er „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Hat der sie nicht mehr alle, lebt der von der Verdrängung als er über Feld, Wald und Wiesenblumen und Gottes schöner Welt inmitten von Angst und Leid dichtete? Oder hält er sich fest an einem Gott, den er für größer hält als die brennenden Höfe und der Pestgestank.
„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“
Oder Eckehard Bücken. „Meine engen Grenzen“, dichtet er, „meine kurze Sicht bringe ich vor dich“- als sich eines seiner ihm anvertrauten Mädchen im Heim für schwer Erziehbare umbringt und er es nicht verhindern kann.
„Wandle sie in Weite, in Freiheit, mein Ängstlichkeit, mein verlorenes Zutrauen- Herr erbarme dich.“

Wir singen sie oft, diese Lieder, diese und andere, und dann und wann geschah es und geschieht es, nicht für jeden, nicht jedes Mal. Aber doch, dass einer ohne Mut mit vielen Fragen und Zweifeln zum Gottesdienst kam und kommt.
Und dass er oder sie froh wurde, zumindest zuversichtlich oder getröstet, wenn
links und rechts von ihm einer, und vor ihm und hinter ihm einer singt-
von der Zukunft und von der Vergangenheit, vom Bogen der Zeit, unter dem wir stehen und die nicht zu Ende ist, wo wir nicht weiter sehen.

Und dann wird es geschehen sein und geschieht es immer wieder, dass jemand seinen Weg zurück ein kleines bisschen leichter ging.
Weil er wieder träumen konnte und hoffen mit Musik und Worten, die das Herz erreichen.

Ich bin sehr dankbar- gerade auch in den letzten Tagen und Wochen, in denen wir nicht im Gottesdienst miteinander singen können, Chöre sich nicht zum Proben treffen können, Konzerte abgesagt sind- dass aber dennoch die Musik uns geschenkt wird:
Da spielen an vielen Abenden Menschen unseres Posaunenchores nach dem Ausklingen der Glocken zu zweit auf dem Kirchplatz Choräle. Da singen und musizieren Flöten und Gitarren und lassen gegen das Alleinsein und die Stille hoffnungsvolle Töne in unsere Straßen erklingen, da nehmen Kinder und Jugendliche in ihren Zimmern und Kellern moderne Kirchenlieder auf und stellen sie gleichsam zu einem Chor mit Julius Kurschat zusammen (- wir finden dies im Internet bei YouTube) und da schicken Menschen über WhatsApp genau solche Aufnahmen, in denen große Chöre und Orchester, die sich nicht treffen können, aber auf diese Weise Musik machen. Aufnahmen, aus der ganzen großen weiten Welt, die doch in diesem Punkt vereint ist- und so zu Tränen rühren, die Seele anrühren, weil wir in der Musik- wie im Gebet -nicht allein sind.

Wenn Fulbert Steffensky an Kirche denkt, so fällt Ihm seine Mutter ein, eine einfache Frau, die vieles in ihrem Leben mitgemacht hat, die oft wohl in der Kirche gesessen hat, die Lippen bewegt hat, gebetet hat, gesungen, die an diesem Ort das Brot gefunden hat, von dem sie in allem lebt.
Die dieses Ziel nicht aus den Augen verloren hat auf dem Weg, unserem so langen Weg nach Hause. Und der ist, Gott sei Dank, begleitet von Musik und so vielen wunderbaren und tröstenden und mutmachenden Liedern.

Und diese sind eben doch mehr als nur ein paar Blätter Papier mit ein paar schwarzen Linien, ein Paar Noten darauf.
Es ist das Wunder, das da schon beginnt, wo einer sein Glaubenslied für andere schreibt, spielt, singt und diese Musik menschliche Herzen erreicht und sie emporhebt, ein kleines Stück, dem Himmel entgegen.

Daniel B. wird übrigens seinen Chor zu einem großen Chorfestival mit Hunderten von anderen guten Chören führen.
Unmittelbar vor dem großen Auftritt erleidet er den zweiten Herzinfarkt.
Er kommt nicht als der Wettbewerb beginnen soll und alle Chormitglieder warten auf ihn. Aber er kommt nicht.
In der großen Halle stehen sie verloren und allein ohne ihn - bis der behinderte Junge mehr mit einem Wimmern der Verlassenheit und der Traurigkeit einen klagenden Ton anstimmt. Und dann stimmen auch die anderen ein.
Nehmen ihn auf - den Ton des Schwächsten, tragen ihn und stützen ihn mit ihrem eigenen Gesang.
Ein Gesang, der so schön, so anrührend, so ansteckend ist, dass ein Sänger nach dem anderen, ein Chor nach dem anderen in dieser übergroßen Halle, zuletzt Hunderte von Chören- in dieses Lied einstimmen.
Und Daniel, der seinen Chor niemals mehr leiten wird, er hört den Gesang aus der Ferne und es wird ihm sein wie ein Angeld, wie ein Vorgeschmack, eine Vorwegnahme, eine Antizipation.
Ein Klang ferner Chöre ferner Welten, die ihn erwarten- im Himmel.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag „Kantate“.
Kantate, das heißt: „Singt. Amen.

Predigt vom Sonntag, 3. Mai 2020

Jubilate / 3. Sonntag nach Ostern
03.05.2020
(Prädikant K. Flasch)

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.
Die Gnade unseres Herrn, Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Schwestern und Brüder ich grüße Sie am heutigen Sonntag Jubilate

„Jubilate – Jubelt!“ Wie leicht ist es, im Frühjahr in den Jubel der erwachenden Natur einzustimmen. Ihr Wiederaufblühen wird in der Osterzeit zum wunderbaren Sinnbild der Auferstehung.
Schöpfung und neues Leben sind Themen des Sonntags Jubilate. Er erzählt von der guten Schöpfung am Anfang, aber auch von der Vorläufigkeit der Schöpfung. Auch wir Christen sind der Vergänglichkeit unterworfen. Wir leben in und mit einer Welt, die von ständigem Wandel geprägt ist. Es ist für uns momentan eine Welt, die sich radikal verändert hat, deren Wandel uns allen viel abverlangt. Jede und jeder von uns spürt die Last der Kontakteinschränkungen, fühlt die Beschwerlichkeit, die uns dieser neue und nicht gewollte Alltag auferlegt. Und doch haben wir bereits eine Ahnung von einem anderen, einem neuen Leben. Denn Jesus ist auferstanden. Für den, der daran glaubt, hat der Tod seine Endgültigkeit verloren, eine große, neue Hoffnung breitet sich aus. Neu zu werden ist möglich, auch hier und heute. Wer an dieser Hoffnung festhält, dem wächst Stärke zu. Denn wie der Weinstock seinen Trieben Kraft gibt, so haben auch Christen ihren Halt in Christus und können sich immer wieder zum Leben rufen und erneuern lassen. Der Apostel Paulus hat diese neue Hoffnung zu seiner Zeit in die hochzivilisierte und hochgebildete Stadt Athen getragen. Wir werden gleich noch davon hören.

Der Wochenspruch für die kommende Woche lautet:
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
(2. Korinther5, 17)

Lasst uns Worte aus dem Psalm 66 beten (EG 730):
Jauchzet Gott, alle Lande!
Lobsinget zur Ehre seines Namens;
Rühmet ihn herrlich!
Sprecht zu Gott: wie wunderbar sind Deine Werke!
Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.
Alles Land bete Dich an und lobsinge Dir,
lobsinge Deinem Namen.
Kommt her und sehet an die Werke Gottes,
der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
Er verwandelte das Meer in trockenes Land,
sie konnten zu Fuß durch den Strom gehen.
Darum freuen wir uns seiner.
Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich,
seine Augen schauen auf die Völker.
Die Abtrünnigen können sich nicht erheben.
Lobet, ihr Völker, unseren Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsre Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.

Ehr‘ sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist! Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Der Predigttext für heute steht in der Apostelgeschichte, im 17. Kapitel, die Verse 22 – 34:
22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.
23 Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.
25 Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.
26 Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen,
27 dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.
29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.
30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.
31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.
32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören.
33 So ging Paulus weg aus ihrer Mitte.
34 Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.
Amen

Liebe Gemeinde
Paulus ist zum ersten Mal in Athen, dem intellektuellen Zentrum der römisch-griechischen Welt. Er hat sich genau umgeschaut und dabei diesen Altar entdeckt auf dem steht, „dem unbekannten Gott“. Für Paulus, der sich auf einer immerwährenden Missionsreise befindet, ist dieser Altar eine Steilvorlage.
Er stellt sich auf den Areopag, das politische Debattierzentrum Athens und redet zu den Intellektuellen seiner Zeit.

Paulus beginnt mit guten Worten. Er knüpft an bei jenem Altar. „Dem unbekannten Gott“ steht darauf. Ich bin fast sicher, dass jede und jeder von uns sich so einen Altar irgendwann in seinem/ihrem Herzen baut, um dann und wann niederzufallen und zu beten: Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann... Dieser Altar ist ein Ausdruck der Sehnsucht. Der Sehnsucht, die hinausgeht über den griechischen Götterhimmel, in dem ja alle und alles bekannt waren, die Götter mit ihren Geschichten und Geschichtchen, Skandalen und Affären. Es ist eine Sehnsucht, die mehr und weiter hofft, als solche Götter hoffen lassen → Dem unbekannten Gott! 

Und heute, wo sich womöglich ein leerer Himmel über die Erde wölbt, ohne Götter und Gott, wo sich auf Erden leben lässt, wie Gott - nicht nur in Frankreich - , wo es vor allem um Geld geht und Macht? – wer hat sich da noch nicht verschämt und im Herzen einen Altar der Sehnsucht gebaut: Das kann doch nicht alles gewesen sein!
Dem unbekannten Gott. Dieser Sehnsucht gilt die Achtung des Apostels Paulus. Sie ist ein Stück unserer Menschenwürde. Und Paulus gibt dieser Sehnsucht einen Namen, ein Ziel, einen Zufluchtsort.
Paulus sagt: dieser Gott existiert und will nicht unbekannt sein. Er wohnt aber nicht in menschengemachten Tempeln und er lässt sich auch nicht von Menschen dienen, das hat er nicht nötig, denn er hat Himmel und Erde gemacht und alles was darauf lebt und webt. Dieser eine und einzige Gott hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf der ganzen Erde wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen. Und Paulus fährt fort, dass dieser eine und einzige Gott diese Sehnsucht der Menschen kennt und ihr ein Ziel gegeben hat nämlich, dass sie ihn, Gott, suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten. Auch Paulus achtet diese Sehnsucht. Denn diese Achtung entspricht der Liebe Gottes, die es mit suchenden Menschen zu tun hat. Solche Menschen sind wir ja auch.
Man kann diese Sehnsucht in drei große Fragen packen:
Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen? So lauten die Fragen, die der Philosoph Immanuel Kant als die Grundfragen der Philosophie, des Menschseins und der damit verbundenen Sehnsucht beschrieben hat. Nun, Gott existiert, aber, welche der drei Fragen wird durch die bloße Existenz Gottes beantwortet? Nicht eine! Dass er immer noch so unbekannt ist, das ist das Problem.

In ihm leben, weben und sind wir. Das ist wahr er ist nicht ferne von uns. Aber doch nicht nahe genug. Der unbekannte Gott bleibt nur eine Ahnung. Und so bedrängend diese Ahnung auch sein mag, Ahnungen taugen nicht um Antwort auf Fragen zu geben. Der Gott, den der Mensch im Spiegel der Welt und des Universums, im Spiegel der eigenen Seele vielleicht ahnen kann, hat entweder kein Gesicht oder unendlich viele.

Deshalb, so lautet die Botschaft des Paulus, hat Gott sein Gesicht gezeigt durch Jesus Christus und hat jeder und jedem den Glauben angeboten, durch Christi Auferstehung von den Toten. Der unbekannte Gott hat sich selbst damit noch mehr bekannt gemacht. Er hat in Jesus von Nazareth sein Gesicht gezeigt. Weil unsere Ahnungen nicht weit genug in den Himmel reichen, deshalb ist Gott ganz unten in unserer Welt angekommen. Deshalb hat er sich in dem Menschen Jesus offenbart, um in ihm unter uns zu sein, damit wir umgekehrt durch diesen Jesus ganz zu Gott kommen und ganz bei ihm sein können.

Die Auferweckung Jesu ist für Paulus in seiner Rede nicht das glückliche Ende einer traurigen Geschichte, sondern deren lebendiger Beginn. Was Jesus durch Wort und Tat von Gott verkündet hat endet nicht in einem schwarzen Loch des Todes. Davon darf nicht gesagt werden: Es war einmal. Durch die Auferweckung Jesu bekennt sich Gott zu den Worten Jesu Christi und setzt sie für alle Ewigkeit in Kraft. In diesem Jesus von Nazareth darf erkannt werden, was wir von Gott wissen können, was wir tun sollen und was wir für unsere persönliche Zukunft und die Zukunft der Welt erhoffen dürfen.

Da spotteten damals natürlich etliche und spotten auch heute noch. Wir wollen dich davon ein andermal reden hören. Es gibt eine intellektuelle Achtung vor der Religion, die ganz zufrieden ist mit der Unbekanntheit Gottes und gerne möchte, dass sich daran möglichst wenig ändert und die menschliche Vernunft sich weiter selber feiern kann. Auch in heutigen Kreisen, die sich gerne nahe dem Protestantismus ansiedeln. 
Deshalb sollten die Spötter gut überlegen, wie weit sie dem unbekannten Gott eigentlich entgegengekommen wollen, und ob sie von dem unbekannten Gott, dem sie gerne alle möglichen Altäre bauen, nicht besser schweigen müssten. Ob die Gebete und die Opfer und die Fragen, die zu diesem Altar gebracht werden, denn tatsächlich Antwort finden sollen? Und dann sollten wir das alles abwägen gegen das Wagnis des Glaubens. Gegen das Wagnis des Vertrauens in die Botschaft von Jesus Christus, in dem Gott uns ganz nahe kommt und uns sein Gesicht zeigt. Denn dann, und nur dann, wird Gott uns nicht ohne ein Zeichen seiner Nähe lassen.
Das gilt in den Zeiten des Apostel Paulus ebenso wie heute, da wir uns in dieser auferzwungenen Isolation befinden, die viele unter uns in Depressionen, in Angst und Selbstzweifel, in Wut, Trauer und häusliche Gewalt treibt. Gott ist uns nicht ferne. Es gibt Gottes Zeichen seiner Nähe: im Lächeln der Mitmenschen, in den Briefen und Telefonaten, die wir jetzt häufiger führen müssen, in der Freude, Verwandte, Freunde oder Bekannte auf der Straße zu treffen, in der großen Höflichkeit, die sich gerade unter uns ausbreitet, wo man sich grüßt und einen Guten Tag wünscht. Es gibt diese Zeichen der Nähe Gottes für mich auch, wenn ich die Losungen lese und für uns alle, wenn wir von Gottes Wort lesen oder hören.
Gerade in diesen Zeiten erreichen wir in unserer Gemeinde auf diesem Weg mehr Menschen, als sonst durch die sonntäglichen Gottesdienste. All das sind für mich Zeichen von Gottes Nähe, denn er wird uns Menschen nicht ohne seine Nähe und seinen Trost lassen. Und deshalb dürfen wir Sehnsucht und Hoffnung haben.
Und der Friede Gottes, der weiter reicht als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Fürbitte:
Du, Gott, hast uns gerufen auf den Weg Jesu, uns manchmal so zögerliche Menschen. Lass uns dir treu sein, dass wir ein Anhalt werden zur Hoffnung in dieser dunklen Welt.

In deiner Demut hast du dein Wort uns gewöhnlichen Menschen anvertraut. Dein Werk hast du in unsere Hände gegeben. Hol uns heraus aus allem, was uns gefangen hält oder an der Nachfolge hindern will.
Zerstreue unsere Bedenken. Überwinde unsere Bitterkeit. Führe uns über unsere Vorbehalte hinaus. Bring unser Gerede zum Schweigen.

Bewahre Trostlose und Suchende vor Härte und Missachtung. Lass die Kleinen und Stummen nicht endlos leiden unter dem Einfluss der Großen und Lauten. Hilf uns, sorgsam zu werden im Umgang mit der Macht.
Gib uns deinen Geist, dass wir nicht ermüden. Lass uns deine Güte bezeugen, damit die Glücklichen wie die Bedrohten Zuversicht gewinnen. Vollende, was wir in Schwachheit beginnen.

Du willst nicht, dass irgendwer verloren gehe. Du liebst das Leben. So sende uns als deine Botinnen und Boten, Gott, heute und Tag für Tag bis in deine Ewigkeit.
Amen

Unser Vater im Himmel...

Segen:
Gott segne und behüte Dich,
Gott lasse sein Angesicht über Dir leuchten und sei Dir gnädig,
Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden
Amen