PREDIGTREIHE ZUR JAHRESLOSUNG

Predigt zum 17. Januar 2021

Sonntag, 17. Januar 2021
Predigt zu Lukas 6, 36 und Matthäus 25, 34-­40 - Pfarrerin Yvonne Brück aus der Kirchengemeinde Issum


Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Schöne Worte, oder? Liebe Schwestern und Brüder, so nimmt die Jahreslosung uns mit hinein ins Jahr 2021. Erwartet uns. Heißt uns willkommen. Begleitet uns.

Gott im Himmel über allen Himmeln, der barmherzig ist. Der Schöpfer meines, jeden Lebens, der nicht anders kann als barmherzig zu sein. Denn: Gottes Wesen ist Barmherzigkeit. Sie kann gar nicht anders. Gott, der uns wie eine Mutter liebt, die ihr Kind das erste Mal sieht, in ihrem Schoß birgt, in ihrem Armen wiegt und die von Liebe überflutet wird für dieses aus ihr kommende und für immer zu ihr gehörende Geschöpf.

Gott, dem in diesem Moment einer Geburt gleich sein Herz aufgeht, der von der Liebe zu dem hilflosen Bündel-­‐was der Mensch ist-­‐getroffen wird und ab diesem Moment zu seinem Leben dazu gehörend spürt und weiß und fühlt: „Ich werde alles, alles absolut alles für dich geben.“

Gott ist Barmherzigkeit und kann nicht anders.

„Diese Jahreslosung ist eine, die mich seid Jahren mal wieder anspricht.“ So formulierte es vor kurzem ein Gemeindemitglied. Und ich würde es gerne mit ihr sagen können. Ich würde gerne mit einstimmen: „ Ja, liebe Jahreslosung, so ist es“. Gott ist barmherzig und diese Barmherzigkeit hält die Welt und trägt sie ins und uns durch’s neue Jahr. Gottes Liebe umhüllt die Welt wie ein Mantel, der mich wärmt. Gottes Geborgenheit flüstert mir zu:

„Hab keine Angst. Ich bin ja da“. Und dieses Versprechen gilt für dich, für Sie, für mich, für alle.

Also: Schöne und tragende und berührende Worte – diese Jahreslosung, oder? Wenn, ja, wenn ich sie annehmen könnte. Wenn ich es ihr glauben und es ihr abnehmen könnte.

Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Ich spüre sie nicht. Es scheint so, als wäre sie bereits vor dem Jahr 2020 aus der Welt gegangen. Hat ihr Köfferchen gepackt, noch einmal mit den Schultern gezuckt und sich als verstaubte alte Frau aus dem Staub gemacht. „Wäre schön mit euch gewesen. Hätte echt gut werden können, diese Zeit auf dieser Erde mit euch, die ihr Leben nennt. Aber wisst ihr was: ich hab die Nase voll. Ich renne euch hinterher. Ich mache. Ich tue. Ich gebe nicht auf, es zu versuchen. Aber euer Herz ist verschlossen. Ihr seid in euch verkrümmt und auf euch fixiert. Ich hab hier keine Chance und frage mich gerade, ob ich jemals eine gehabt habe.“ Und dann ging sie, die Barmherzigkeit – ohne mit der Wimper zu zucken oder sich noch einmal umzudrehen.

Das Jahr 2021 fängt genauso holprig an wie das Jahr 2020 aufgehört hat. Ängstigend. Orientierungslos. Haltlos. Wo ist die Barmherzigkeit geblieben?

Da ist Hass und ihre verblendete Rede, so dass Menschen wie irregeführte Schafe einem eigentlich demokratisch gewählten Volksvertreter, der ein Land zerreißt, hinterher rennen und Demokratie mit Füßen treten. Und wir schauen fassungslos zu und vergessen, dass es bei uns vielleicht anders, aber deshalb nicht besser ist, wenn Macht missbraucht wird und Hetze wie menschenverachtende Urteile nicht nur in social media, sondern auch auf den politischen Bühnen zur Tagesordnung gehört. Weil die, die nach Ethnie und Geschlecht, sexueller Orientierung und Religionszugehörigkeit unterscheiden, nicht klein zu kriegen sind und so laut schreien, dass andere das Denken und das Fühlen aufgeben.

Die Auswirkungen der Pandemie bringen uns an unsere Grenzen. Sie scheuchen uns darüber hinaus. So viele Menschen, die an, aber auch unter diesem Virus sterben, weil die Einsamkeit der Isolation uns von allem Lebensnotwendigen abschneidet. Die Wirtschaft soll gerettet werden – kommt das an, beim Frisör um die Ecke, oder dem kleinen Techniker, der als Subunternehmen Kabel bei Konzerten verlegt? Homeschooling und Homeoffice – überforderte Eltern, ein digitalisierter Lehrkörper, sich allein gelassen fühlende Kinder, ein unbeteiligter, weil nicht gefragter Kinderschutzbund. Menschen, die quer über Straßen und Vernunft rennen. Nichts scheint richtig zu sein: an so vielen Stellen wird gemotzt, gemault, gemeckert, weil: man weiß es sowieso prinzipiell immer besser. Gleichzeitig gibt es so eine Grund-­‐Müdigkeit und wir sind an unterschiedlichen Stellen empfindlicher, dünnhäutiger.

Und während wir uns über die Verteilung von Impfdosen und die richtige Reihenfolge der Impfungen streiten, fragt keiner mehr so wirklich nach den Auswirkungen von Corona in Südamerika, Afrika oder Indien. Diese Pandemie fokussiert uns wie unter einem Brennglas auf die wesentlichen Fragen unserer Zeit. Wollen wir hinschauen?

Und: Wenn ein Haus in der Nachbarschaft brennt, würde jeder von uns die Feuerwehr rufen, damit der Brand möglichst schnell gelöscht wird und keiner zu schaden kommt. Oder würden wir es lassen? Werden Ertrinkende im Mittelmeer gerettet, finden die Schiffe keinen Hafen und die Verantwortlichen werden vor Gericht gestellt. Was ist das für eine Welt, in der stärker gegen das Retten als gegen das Sterben vorgegangen wird? Wie gleichgültig begegnen wir den toten Kindern vor unseren Grenzen und einem sterbenden Mindestmaß an Respekt und Demut vor jedwedem Leben. Wer gerade dabei ist zu ertrinken, der ist weder Flüchtling noch Migrant, der ist weder Afrikaner noch Europäer, weder Muslim noch Christ, der ist ein Mensch, der gerade dabei ist, zu ertrinken.

Nur drei von so vielen anderen Punkten, wegen und an denen unsere Welt krankt. Wo bist du Barmherzigkeit?

Im Matthäusevangelium (25, 34‐40) heißt es...(Text siehe anbei)

Über diesem Text steht in der Übersetzung der BasisBibel „Die Rede von Jesus über die Endzeit: Wonach der Menschensohn die Menschen beurteilt.“ Am Ende meiner Tagewerde ich mit aufgeteilt. Nach rechts oder nach links gestellt. Und es wird nicht gefragt, wie fest ich geglaubt, wie oft ich gebetet, wie überzeugend ich meinen Glauben bekannt habe (bitte nicht falsch verstehen: das ist alles wichtig und gehört zum Christsein dazu). Aber bei Matthäus fragt Jesus nach meinem aktiv gelebten Glauben. Nach meinem handelnden Herz. „Was hast du getan? Wo hast du Barmherzigkeit gelebt?“ Wo würden Sie stehen?

Rechts oder links?

In den letzten Tagen habe ich gefragt und von vielen gehört, was für sie Barmherzigkeit bedeutet. Wenn ich versuchen darf, die Antworten der Antwortenden pointiert zusammen zu fassen, dann vielleicht so: „Ein liebendes Herz für jemanden zu haben ohne Erwartungen; ihn trotz allem anzunehmen und da zu sein.“

Was ihr für einen meiner Brüder oder Schwestern getan habt, dass habt ihr für mich getan.Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Ich merke, dass die Worte der Bibel in mir nachklingen. Es berührt mich, was die Menschen geantwortet haben. Ich stelle fest: es ist nicht die Barmherzigkeit, die die Koffer gepackt hat

-­‐es sind wir Menschen, die sie aus unserer Mitte vertrieben und ihr die Koffer vor die Tür gestellt haben. Und ich spüre: Gott war und ist und bleibt immer Barmherzigkeit: so ist er seit Urzeiten in die Ewigkeit hinein. Gott war und ist und bleibt immer Barmherzigkeit, wenn ich es denn zulasse, mich von seiner Barmherzigkeit berühren und bewegen zu lassen. Seine Barmherzigkeit wurzelt in seiner Liebe. Aber auch die kannst du nur dann dich ganz ausnehmend und ausfüllend fühlen, wenn du zulässt, dass Gott dich liebt. Dich Menschenkind und Sie Geschenk Gottes. Liebt ohne Vorleistung, weil in seine Barmherzigkeit hineingeboren. Liebt, weil ein von Menschen definiertes Mängelexemplar in Gottes Augen gut, nein, perfekt ist.

Es ist für mich eine schmerzhafte Erkenntnis, dass die Frage nach der Barmherzigkeit in der Welt bei mir selbst anfängt. Bei Ihnen. Bei dir. Gottes Barmherzigkeit kommt durch uns in die Welt. Aber eben nicht, wenn wir aus Mitleid heraus etwas tun. Sondern nur, wenn wir seine Barmherzigkeit für uns annehmen, mit uns selbst barmherzig sind und sie dann an andere weitergeben. Dann erfüllt sich Jesu Wort: „Das habt ihr für mich und an mir getan.“

Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Wenn es Gottes Wesen entspricht, barmherzig zu sein, dann ist es ein, wenn nicht sogar das Handlungsmerkmal gelebten Glaubens, als Christinnen und Christen  es ihm nach zu tun.

„Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben. Ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.“

Liebe Schwestern und Brüder, das ist ein ganz schön hoher Anspruch, der da in der Jahreslosung drinsteckt und den Jesus uns als „so sollt ihr sein“ vorhält. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Eigentlich ein überforderndes, irgendwie nie in Gänze erfüllbares Postulat, denn wer von uns steht immer zu 100 % in der Annahme der Liebe Gottes; wer liebt sich immer und nimmt selbst sich an ohne Optimierungswünsche an das eigene Sein und Handeln; wer schaut immer auf einen anderen mit lieben Augen und offenem Herzen und stellt gleichzeitig sein Bedürfnis hinten an?

Wir sind Menschen. In uns verhaftet. Um uns selbst drehend. Manchmal ganz schön egoistisch, gemein und fies und nur bis zu den Befindlichkeiten der eigenen Nasenspitze denkend. Damit ist das Projekt Barmherzigkeit doch tatsächlich zum Scheitern verurteilt, oder? Ich kann doch eigentlich jetzt schon sagen: Jesus – das schaff ich nicht. Du musst gar kein Urteil fällen. Ich geh von allein schon auf die andere Seite.

Gott sei Dank kennt Gott uns und weiß um uns und ist und bleibt Barmherzigkeit.

Seid barmherzig– das hat im griechischen Urtext auch etwas von „werden“. Nicht: du musst so sein, sondern: in der steckt die Fähigkeit, so zu werden. Nicht: Seid barmherzig oder sonst seid ihr raus! Vielmehr: Ihr dürft klein anfangen, ausprobieren, herausfinden, euch trauen, mutig sein, Fehler machen und wieder neu anfangen. Werdet barmherzig. Barmherzigkeit ist ein Prozess. Ein Weg. Eine Dynamik. Kein statisches „muss sein“, sondern ein dynamisches „darf werden“.

Werdet barmherzig. Versuchen zu lernen, mit den Augen Gottes zu sehen. Motiviertes Handeln, um für einen anderen, ob mir nah stehend oder am anderen Ende der Welt lebend, das Beste zu wollen. Nicht aufgeben, mein Herz berühren zu lassen. Von Gott. Durch meinen Nächsten. Und jeden Tag neu damit zu beginnen. Mir Gottes Barmherzigkeit in die Hände legen lassen, um sie weiter zu geben an andere. Und wenn es nicht klappt auf Gottes Neuanfang am nächsten Tag vertrauen. Mit dir. Mit Ihnen. Mit mir.

Ja, das Jahr 2021 hat holprig begonnen. Und müde und kräftezehrend und erschreckend und ängstigend. Und wir werden mehr als einmal in diesem Jahr ganz bestimmt noch fragen: „Gott, wo bist du? Du und deine Liebe und deine Barmherzigkeit?“ Wir werden mehr als einmal an unsere Grenzen kommen und nur uns selbst und das eigene Bedürfnis sehen.

Und doch bleiben diese Vertrauen schaffenden, Mut machenden, Leben und Welt verändernden Worte: Werdet barmherzig wie auch euer Gott immer barmherzig sein wird. Amen

Matthäus25,34-­‐40

34 Dann wird der König zu denen rechts von ihm sagen:›Kommt her! Euch hat mein Vater gesegnet! Nehmt das Reich in Besitz, das Gott seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt hat. 35 Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen. 36 Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben. Ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.‹

37 Dann werden die Menschen fragen, die nach Gottes Willen gelebt haben: ›Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38        Wann warst du ein Fremder und wir haben dich als Gast aufgenommen?39Wann warst du krank oder im Gefängnis und wir haben dich besucht?‹40Und der König wird ihnen antworten: ›Amen, das sage ich euch: Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt –und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan.‹

Predigt zum 24. Januar 2021

Sonntag, 24. Januar 2021

Sonntag, 24. Januar 2021
Predigt zu Jona 4,1-2 und Lk 6,27-30.36-37 von Pfarrerin Ulrike Stürmlinger
aus der Kirchengemeinde Straelen-Wachtendonk

Jona 4,1-2

Gott hatte die Stadt Ninive verschont und ließ die Menschen leben, als er sah, wie sie über ihr eigenes Tun erschraken und umkehrten.

Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, das ist's ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.

Liebe Schwestern und Brüder. Liebe Gemeinde.

Yvonne Brück hat uns zu Weihnachten mit einem Satz von Fulbert Steffensky gegrüßt: „Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.“

Was ist, wenn einer eine solche Umarmung gar nicht will und er sie zurückweist? Wenn er sie nicht geschehen lassen kann. Wenn er geradezu vor ihr flieht?

So wie Jona das tut und sagt: Deshalb wollte ich nach Tarsis fliehen, als ich noch in meinem Lande war.

Im Buch des Propheten Jona menschelt es sehr. Es hat so gar nichts Vorbildhaft-prophetisches an sich. Im Gegenteil. Jona kommt schlecht weg.
Er steht für die Engherzigkeit seiner Zeit. Israel glaubte, Gott für sich zu haben und alles, was nicht Israel hieß betrachteten sie als feindlich oder zumindest als gottlos.
Der Rizinusstrauch, der am Ende des Prophetenbuches dem Jona erst Schatten gibt und der dann wieder verdorrt ... macht sichtbar: Jonas Verhalten ist nichts anderes als selbstsüchtiges Jammern ...
... wir würden sagen: ein Jammern auf hohem Niveau... das die eigene Befindlichkeit zum Dreh- und Angelpunkt macht und die wirklichen menschlichen Dramen und das wirkliche Unglück nur distanziert betrachtet und ohne Anteilnahme. Es fast missgünstig nur zur Kenntnis nimmt.
Jona .... ist engherzig und selbstbezogen von Anfang bis Ende.
Aber das Jona-Buch beschreibt Gottes Anteilnahme, Zuständigkeit Gottes Interesse an Ninive.
Diese für Israel ferne Stadt, die neu leben kann, weil sie mit sich ins Gericht geht und sich vor Gott verantwortet. Und ihn so als barmherzig erfährt.
Dass Gott auch mit Jona einen Weg geht, der ihn betrifft und meint, das hat Jona noch gar nicht verstanden. Wie sehr Gott auch an seiner Seite ist ... und mit ihm ringt, sich um ihn bemüht, ihn begleitet, anspricht, einbindet, in Krisen führt und wieder herausbringt, in unendlicher Geduld nicht aufhört, mit ihm zu sprechen und sich ihm zuzuwenden.

Jona ist bemerkenswert blind für die Barmherzigkeit, die ihm gilt. Hellsichtig ist er nur für Gottes Erbarmen mit Ninive. Das ahnte er von Anfang an und lehnt es entschieden ab. Ja es machte ihn zornig!
Bis zum Ende tut Jona so, als ob ihm durch das Erbarmen Gottes Unrecht geschähe.

„So sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
(Marcel Reich Ranicki im Literarischen Quartett)

Wie passt das zusammen? Das Erbarmen Gottes und menschliche Strenge und Herzlosigkeit die geradezu unbelehrbar sind. Dieser Widerspruch hat sich mit Jona nicht aufgelöst. Wir leben ihn bis heute.

Die Jahreslosung hat es in sich.

Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.

Das klingt harmlos. Aber das ist es nicht.
Es ist eine Zu-mutung - geradezu unannehmbar.
Barmherzigkeit ist radikal. Sie verändert das Leben. Sie ist ein Systemwechsel. Sie stellt unser Verständnis von öffentlicher Ordnung, von Gerechtigkeit, von Recht und Wahrheit auf den Kopf.
Im Alten Testament ist sie die häufigste Beschreibung des Wesens Gottes.
Und Jesus vermittelt sie so eindeutig als Dreh- und Angelpunkt der Welt - wie Gott sie meint - dass die Menschen es nicht ausgehalten haben und ihn ans Kreuz brachten.

Was so radikal ist daran, barmherzig zu sein verstehen wir besser, wenn wir hören, was Jesus im Lukasevangelium vor der Jahreslosung sagt:
Lk 6,27-30:
Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde;
tut denen Gutes, die euch hassen; segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch Böses tun. Schlägt dich jemand auf die eine Wange, dann halt ihm auch die andere hin, und nimmt dir jemand den Mantel, dann lass ihm auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet, und wenn dir jemand etwas nimmt, dann fordere es nicht zurück.

Wer kann das? Wer ist so frei? Wer kann so selbstlos sein?

Jesus konnte es. Er war ein erlöster, wirklich freier Mensch. Ohne Sorge um sich, ohne Angst. Das Wesentliche konnte man ihm nicht nehmen. Und mit allem anderen war er freimütig. Er hing an nichts. Nur an Gottes Liebe. Nur an dieser Beziehung.
Und die lebte er und verschenkte sich in einem Maß, die für uns unfassbar ist.
Er begegnet dem Bösen, dem Gewalttätigen, dem Übergriffigen, dem Störenfried ... wie ein Freund.
Und dem, der Unrecht tut, den weist er nicht zurecht. Im Gegenteil: Er gibt ihm, was der zu Unrecht nehmen will.

Das ist wahrlich anders, als wir es gewohnt sind.

Wir finden es wichtig und richtig, Recht und Unrecht zu unterscheiden. Oder nicht?!
... und sich zu distanzieren von denen, die auf der falschen Seite stehen?!
Wir versuchen das Böse in unserer Gesellschaft zu begrenzen, dingfest zu machen. Es auszugrenzen. Uns von ihm abgrenzen. Mit bestimmten Menschen wollen wir nichts zu tun haben!

Wer die Gesellschaft gefährdet, unsere Kinder, unsere freiheitliche Grundordnung oder Leib und Leben anderer verletzt oder missbraucht, oder sich vergreift am Eigentum anderer ... der gehört nicht mehr zu uns.

Er muss dingfest gemacht verhört werden .... damit alles ans Licht kommt ... verurteilt … bestraft … vielleicht auch hinter Schloss und Riegel.

Wer sich so verhält ...der muss mit dem Gesetz konfrontiert werden.
Aber unser Mitleid, unser Mitgefühl, das brauchen doch die Opfer, das hat der doch nicht verdient. Oder?!

******

Wir hören noch einmal, was Jesus sagt im Lukasevangelium.
Lk 6, 36+37.
Seid barmherzig,
wie euer Vater barmherzig ist.
Und richtet nicht,
so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Verdammt nicht,
so werdet ihr nicht verdammt.
Vergebt, so wird euch vergeben.

Rechtschaffenheit ist kein Verdienst.
Sie ist eine geschenkte Freiheit. Oft auch einfach Glück.

Dass wir bisher finanziell nicht an den Rand der Verzweiflung kamen ...
noch keinen Unfall hatten, der schweren Schaden nach sich zog ...
dass wir Eltern hatte, die für uns sorgten und uns ausreichend lieben konnten, obwohl sie den Krieg noch in sich trugen ...
dass wir beschenkt sind mit Wegen und mit Menschen, die uns aus der Einsamkeit helfen ...
dass wir uns gehört und gesehen wissen auch in dem Unglück, das uns widerfährt ....

Das haben wir alles nicht gemacht. Das ist zum Glück so geworden.

Und wenn das an irgendeiner Stelle nicht geklappt hätte?
Wenn wir das Leben eines Anderen hätten führen müssen?
Eines Menschen, der sich verstrickt hat, der gewissenlos geworden ist oder gewalttätig?
Wäre ich rechtschaffen geblieben?
Was wissen wir warum Menschen tun, was sie tun ... warum Menschen sind, wie sie sind.
Es ist leicht, sich von Menschen abzugrenzen; sie zu verurteilen, sich über sie zu empören solange wir nichts von ihnen wissen. Solange wir die Schuhe nicht kennen, in denen sie gelaufen sind.

Die Geschichten der schwarzen Schafe in den Familien sind immer Geschichten größter Not und versagter oder missverstandener und schmerzlich vermisster Liebe.

Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.

In jedem von uns steckt etwas von dem, was Menschen böse macht, etwas Zerstörerisches, die Gefahr, hartherzig zu werden.
Merken wir das nicht? Gerade in diesen Zeiten?

„Was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch,“ sagt Jesus.

Die eigene Wahrheit sieht oft so anders aus als das, was außen zu sehen ist.
Wir kennen uns schlecht, wenn wir glauben, uns könne es nicht passieren, auf der falschen Seite zu stehen.

Vielleicht muss man tief in seine eigene Seele geschaut haben, um zu wissen; So weit sind wir nicht entfernt ...

Je nach dem, was passiert kann auch uns eine Verzweiflung ergreifen, die uns aus der Bahn wirft, oder die uns klar macht, dass wir nie mehr schwach sein wollen.

Unsere Welt bringt die Menschen selbst hervor unter denen wir dann leiden. Wem helfen wir, indem wir sie verhören. Vorführen Zu Unmenschen erklären? Ihnen nicht. Sie brauchen etwas anderes, um wieder menschlich zu werden, um ehrlich, wahrhaftig auf das zu sehen, was geschehen ist. ....

Barmherzigkeit, die die Sprache unserer Seele versteht.

Jemand, der bleibt und zuhört und das Drama sieht, das die Menschlichkeit nahm. Und mittrauert über das Unglück, das geschehen, oder die Härte, die ihm widerfuhr oder die Versuche, die nicht gelingen wollten oder die Wege, die sich verschlossen und was es unmöglich machte, sich aufzurichten und zurückfinden ... zu dem, was uns zum Menschen macht.

Zu aufgerichteten, mitfühlenden wahrhaftigen, freien, liebenden Menschen.

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Barmherzigkeit im Hebräischen heißt RÄCHÄM. Das lässt sich auch übersetzen mit Mutterschoß.

Es ist der Ort, der uns das Leben schenkt, an dem wir geboren werden. Neu geboren werden.

Die Größe der Barmherzigkeit Gottes übersteigt unsere Möglichkeiten.
Und das geht auch nicht anders, weil nicht wir die Geber, sondern nur die Empfänger unseres Lebens sind.
Dies alleine zu wissen ... ist schon viel und könnte uns barmherziger machen.

Kehren wir noch einmal zurück zu Jona. Wir sind wie er, solange wir nicht wissen, dass wir selber angewiesen sind auf diese Barmherzigkeit, die uns sieht und neu werden lässt.

„Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.“

Wir können den Widerspruch zwischen Gottes Erbarmen und menschlicher Strenge und Herzlosigkeit in unserem Leben nicht auflösen ... bis wir ihn aufgehoben finden in großer Liebe.
In Gottes Barmherzigkeit und darin neu werden. Und über Jona hinauswachsen.
Amen.

Predigt zum 24. Januar 2021

Sonntag, 24. Januar 2021

Sonntag, 24. Januar 2021
Predigt zu Psalm 103, 8 von Pfarrerin Karin Dembek aus der Kirchengemeinde Kevelaer

„Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte“

Woran erinnern wir uns am meisten? Was können wir nicht vergessen? Erinnern wir uns eher an Verletzungen und erlebtes Unrecht oder an glückliche Momente und erfahrene Wohltaten? Man sollte ja meinen, dass wir an das Gute, das wir erlebt haben, viel länger denken als an die Verletzungen, die uns widerfahren sind. Verrückterweise ist es genau umgekehrt: wir konservieren den Ärger und die unerfreulichen Dinge viel besser als die Erinnerung an schöne Erlebnisse.

Der Psalm 103 ruft zum Lob Gottes auf: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Es ist doch viel aufbauender, das Gute, das Schöne zu erinnern als nur das Schwere und Niederschmetternde und Gott für das zu danken, was er uns Gutes tat und tut.

Im Folgenden zählt der Psalmist auf, wie Gott sich uns gegenüber verhält: er heilt, rettet, erlöst, befreit, macht jung und fröhlich. Einen ersten Höhepunkt erlebt dieser Lobgesang in der Gnadenformel in Vers 8: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“ Diese Worte sind eine Gottesbeschreibung, eine Wesensaussage Gottes. Gott tut uns soviel Gutes; sein ganzes Wesen ist davon bestimmt, Barmherzigkeit zu üben, gütig zu sein, geduldig mit seinen Menschen umzugehen und sie gnädig anzunehmen – auch wenn sie immer wieder den Willen Gottes unterlaufen und eigenen Zielen nacheilen.

Ursprünglich stammt diese Gnadenformel, die die Theologie des Alten Testaments zusammenfasst, aus der Erzählung um den Bundesschluss am Sinai. Da hatten sich die Israeliten ein goldenes Kalb gebaut, das für sie attraktiver und greifbarer war als ein Gott, der die Zehn Gebote als Angebote zum Leben eingehalten haben will. Mose hat daraufhin die beiden steinernen Gesetzestafeln wütend zertrümmert – und dennoch sucht Gott einen neuen Anfang und schreibt seine Gebote auf neue Tafeln. Und Mose erkennt, dass Gottes ganzes Wesen davon bestimmt ist, barmherzig, gnädig und geduldig zu sein.

„Schau dein Leben doch mal an“, ruft mir der Psalmbeter zu.

„Wie viel Mist hast du schon gebaut, und Gott hat es wieder geradegerückt! Er zwingt dich nicht, die eingebrockte Suppe auszulöffeln.“ Er ist barmherzig.

„So oft hast du dich zu wenig gekümmert, bist an deinen eigenen Idealen gescheitert, und Gott hat dich liebevoll angesehen!“ Gott ist barmherzig.

„Er liebt dich, wenn du dich selbst nicht lieben kannst!“ Barmherzigkeit ist sein Wesen.

„Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“

Gottes erster Wesenszug ist die Barmherzigkeit. Wir Menschen sind ihm ans Herz gewachsen. Unser Leid und Elend rührt Gottes Herz an. Armut und Bedürftigkeit lassen Gott nicht kalt.

Immer wieder erfahren wir seine Barmherzigkeit. Wer so behandelt wird, den kann das Schicksal anderer nicht kalt lassen. So wie Gott uns immer wieder einen neuen Anfang schenkt, weil er gnädig, geduldig und voller Güte für uns ist, so können wir mit anderen barmherzig umgehen: nachsichtig mit ihren Fehlern sein, geduldig mit ihren Schwächen und großherzig verzeihen. Auch brauchen wir Barmherzigkeit uns selbst gegenüber: dass wir unsere Grenzen erkennen, uns nicht ständig überfordern und nicht immer wieder über unsere Mängel ins Grübeln geraten.

Gott nimmt uns barmherzig an – so wie wir sind – aber seine Liebe, seine Barmherzigkeit lassen uns nicht bleiben wir sind – Gott sei Dank!

Predigt zum 31. Januar 2021

Sonntag, 31. Januar 2021
Predigt zu Jesaja 54, 7-10 von Pfarrer Ralf Streppel
aus der Kirchengemeinde Geldern

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir ver-borgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.“                                       
(Jesaja 54, 7-10)

Liebe Zuhörerin, liebe Zuhörer, liebe Schwestern und Brüder!
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Sagt Jesus Christus.

Die biblische Losung für dieses Jahr 2021 ...

Auf verschiedene Weise haben wir uns in der Predigtreihe hier in den Gemeinden im Süden unseres Kirchenkreises dem Thema „Barmherzigkeit“ genähert... und tun das auch noch weiterhin.

„Seid barmherzig. Gott ist es auch.“

„Ja, besten Dank! Geh mir weg damit! Barmherzig sein. Wer geht denn barmherzig mit mir um?! Und Gott schon gar nicht!“

So reden Menschen, die enttäuscht sind, bitter enttäuscht. Vom Leben. Von ihren Mitmenschen. Und vom „lieben“ Gott.

Lockdown, Corona-Beschränkungen.

Alte Menschen von ihrer Umwelt abgeschnitten, isoliert im Pflegeheim, Besuche nach Anmeldung.

Einzelhandel, Gastronomie, Kulturschaffende – nicht nur wirtschaftlich in der Krise.

Und auch nach Beispielen für derlei Erfahrungen müssen wir nicht lange suchen:

Da stirbt ein geliebter Mensch und der Partner oder die Partnerin steht plötzlich leer und verloren da.

Da bringt ein Unfall die gewohnten Abläufe durcheinander; da wendet eine Krankheits-diagnose alle Zuversicht und zerstört gemeinsam geschmiedete Pläne; da schneidet der Tod hart und grausam ins Leben…

„Was ist daran barmherzig? Gott, barmherzig? Wo ist er denn überhaupt? Lass mich in Ruhe damit!“

Oder auch: „Warum ich, was hab ich getan?“ So fragen wir im Angesicht des Leids, das uns selbst widerfährt oder dessen unmittelbare Zeugen wir werden.

Es sind Fragen, die zum Ausdruck bringen, dass man sich wie abgeschnitten fühlt vom Leben. Und es sind Fragen, auf die es keine Antwort gibt – jedenfalls keine Antwort, die einfach so zu formulieren wäre wie die Frage selbst.

Die möglichen Antworten auf diese Fragen können nur im und mit dem Leben selbst gegeben werden. Das ist kann ein langer Weg sein, für den es viel Geduld braucht und der auch kein geradliniger Weg ist, sondern bei dem es ein Hin und Her, ein Auf und Ab, ein Vor und Zurück gibt.

Die Frage „Wo ist Gott?“ wurde und wird nicht nur im Blick auf persönliche Schicksals-erfahrungen gestellt. Sie wird auch gestellt im Hinblick auf die Erfahrung einer Gruppe von Menschen, einer Gesellschaft, einer Generation.

Bei unseren älteren Gemeindegliedern höre ich immer wieder noch die lebendigen Erinne-rungen an die Jahre des Krieges oder an die unmittelbare Nachkriegszeit. Und dann kann sie durchaus auch kommen im Gespräch - die Frage nach der Gegenwart Gottes. Die ängstigenden Bombennächte in den Schutzbunkern oder die Hungerwinter in den Trümmern der Städte „Wo ist Gott?“ oder auch: „Warum haben wir dies erleben müssen?“

Von einer solchen schicksalhaften und niederschmetternden Erfahrung eines ganzen Volks, des Volk Israels, sprechen auch die Worte, die der Prophet Jesaja hier im Namen Gottes spricht. Diese Worte führen uns in die Zeit Nebukadnezars, des babylonischen Königs, der mit seiner Armee Jerusalem belagert und schließlich eingenommen hatte. Jetzt lagen die Häuser in Trümmern und mit ihnen auch der geschändete und geplünderte Tempel.

Und die Israeliten - sie saßen im Exil, in der Fremde, in Babylonien; sie, Gottes auserwähl-tes Volk. Die Schmerzen über die Trennung von der vertrauten Heimat und von denen, die dort zurückgeblieben waren, lasteten schwer auf ihrer Seele.

Aber nahezu unerträglich erschien der Schmerz bei der Frage nach Gott: Wo war er? Hatte er ihnen seine Nähe entzogen? Wußte er noch, wie es ihnen ging? Sah er ihre Lage - ihre Fragen, ihre Zweifel, ihre Ängste, ihre inneren Nöte - und auch ihre ganz alltäglichen Sorgen und Freuden? Wo blieb seine Barmherzigkeit?

Der Prophet Jesaja nun wendet den Blick im Namen Gottes in eine neue Zukunft. Er malt den zerschlagenen Volks- und Leidensgenossen ein strahlendes Bild von Gottes neuer Zukunft vor Augen. Trotz ihrer Leiderfahrungen sollen Menschen wieder auf- und nach vorne schauen können. Sie sollen aufatmen dürfen. Ihre verletzten und geschundenen Seelen sollen Beruhigung, Zuversicht, ja Heilung erfahren. Ihnen soll Barmherzigkeit widerfahren.

Noch einmal: dies ist ein Weg im Leben, manchmal sogar ein besonders langer und mühsamer. Solch ein Weg zurück ins Leben braucht Zuspruch und viel spürbare Gegenwart von anderen Menschen, die einfach nur da und nahe sind.

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.“

Jesaja redet dabei nicht nur tröstende und aufmunternde Worte, sondern er spricht auch davon, dass Gott sich abgewendet hat.

Ich frage mich: Ist die Abwesenheit Gottes, die da so bitter erfahrbar war, ein Gefühl, eine Empfindung in mir – oder ist sie eine Tatsache? Hat sich Gott wirklich abgewandt und verborgen oder haben wir dies „nur“ so empfunden?

Und wenn ja: Welchen Grund hatte Gott, sich von uns abzuwenden? Warum hat er sich verborgen, sich aus meinem Leben zurückgezogen?

Und ich verstehe Jesaja so, dass es in der Tat Gottes Abwesenheit im Leben von Menschen gibt. Dass Gott sich also von uns Menschen zurückzieht, sich verborgen hält, sich gerade nicht von ihnen finden lassen will und sie nicht hört: „Ich habe dich verlassen“, „ich habe mein Angesicht vor dir verborgen“. Das ist nicht nur ein Gefühl, es ist hier eine Tatsache, die ihren Grund im Handeln Gottes selbst hat.

„Ja, ich, Gott, habe dich verlassen; hier und da war ich nicht anwesend, habe dich nicht begleitet.“

„Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen ...“

Ist das Gott, so wie wir ihn kennen gelernt haben und auf ihn vertrauen?

Müssen wir dies und müssen wir so an ihn glauben, dass es eben auch Zeiten seiner Abwesenheit und Verborgenheit in unserem Leben gibt? Zeiten, in denen er sich fernhält, ganz bewusst fernhält? Ist das barmherzig?

Jesajas Worte sprechen aber nicht nur von Gottes tatsächlicher Abwesenheit, sie nennen auch einen Grund hierfür: in seinem Zorn hat sich Gott von den Menschen abgewandt und sich verborgen gehalten.

Mit dieser Stimme ist Jesaja nicht allein. Viele andere Stellen der Bibel führen den Zorn Gottes als Grund für seine Verborgenheit ins Feld. Da ist es dann mit der Gnade und der Barmherzigkeit vorbei – und Menschen bekommen eine frostige und dunkle Seite Gottes zu spüren.

Immer wieder waren der Zorn Gottes und die Schuld des Menschen ein Erklärungsmodell für erfahrenes Leid.

„Warum ich?“ - „Weil du dir dies oder jenes hast zu Schulden kommen lassen.“

„Wo ist Gott?“ - „Er hat sich von dir abgewandt in seinem Zorn.“

Für mich sind solche Antworten wenig hilfreich bei der Bewältigung von Leid.

Sie sind unbarmherzig.

Jesaja selbst kündigt hier im Namen Gottes auf jeden Fall eine tiefgreifende Wende an. Gott lässt verkünden: „Das soll nicht mehr geschehen!“

„So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.“

Und Jesaja erinnert an Noah und die Sintflutgeschichte. Damals, da hat Gott alles Leben auf der Erde vernichten wollen, weil er zornig war über das Tun der Menschen

Doch dann schwor Gott, solches Unheil nicht mehr über die Erde zu bringen, und der Regenbogen sollte die Menschen an dieses Gelöbnis Gottes erinnern.

Jesaja kündigt nun seinen Landsleuten eine ähnliche Wende in Gott selbst an: „Mit meinem Zorn ist es vorbei“, sagt Gott.                     Jetzt: Barmherzigkeit und Gnade.

Und heute?

Heute gilt dies für uns: Wir sollen uns an Gottes Barmherzigkeit und an seine Gnade halten. In Erfahrungen des Leids sollen wir nicht mit Gottes Zorn rechnen und uns das Hirn über mögliche Schuld und Strafe zermartern.

Das bedeutet nicht, dass die Schuld klein geredet wird.

Es bedeutet nur, dass es mit der unseligen Verquickung von Schuld und Leid ein Ende hat, ein definitives Ende: So soll es nicht mehr sein!

Sondern so: Wo wir Schuld in unserem Leben erkennen, da sollen wir sie im Vertrauen auf Gottes Vergebung bekennen. Und wo uns das Leiden trifft, da mögen wir im Vertrauen auf Gottes Kraft diesen Weg gehen. In aller Geduld und in aller Gewissheit um Gottes Nähe, die so unverbrüchlich ist wie die Gestalt der Berge, ja, noch unerschütterlicher.

Als Christen erkennen wir zudem in Jesus von Nazareth den, der in seinem Leben und Sterben, durch seine Worte und Werke und durch sein ganzes Dasein die Barmherzigkeit Gottes offenbart.

Dass wir an den barmherzigen Gott glauben dürfen...

Gott hat keine Freude am Leiden oder gar am Untergang.

Er ist nicht der Rächer oder Vergelter, als der er in seinem Zerrbild oft dargestellt wird.

Er ist nicht der himmlische Polizist, der nur darauf wartet, dass die Menschen Fehler machen, für die er dann bestrafen kann.

Unser Gott ist der barmherzige Gott.

"Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer." Amen.

Predigt zum 31. Januar 2021

Sonntag, 31. Januar 2021
Predigt von Pfarrerin Karin Stroband-Latour
aus der Kirchengemeinde Kerken

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Als Kind wusste ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
Jede Schnecke
Und Spinne
Und jede Mücke
Jeder Ohrwurm
Und jeder Regenwurm
Wird kommen und weinen
Wenn ich begraben werde
Einmal von mir gerettet
Muss keiner mehr sterben
Alle werden sie kommen
Zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde
Erkannte ich
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
Ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter frage ich mich:
Wenn ich sie aber rette bis ganz zuletzt
Kommen doch vielleicht zwei oder drei?  
(Erich Fried)


 

Liebe Schwestern und Brüder in unseren Gemeinden der Südregion,
liebe Hörerinnen und Hörer,

Erich Fried hat dieses Gedicht geschrieben. Es endet mit einer Frage:
Kommen doch vielleicht zwei oder drei?
Ich möchte gerne mit Ihnen auch einigen Fragen nachgehen. Fragen, die vielleicht beim ersten Lesen etwas naiv klingen mögen so wie Erich Frieds Frage.

Meine Fragen:

  • Können Krokodile weinen?
  • Was ist der Unterswchied zwischen Mitleid und Barmherzigkeit?
  • Was ist dem verstorbenen Präses Peter Beier, Albert Schweitzer und dem Papst Franziskus gemeinsam?
  • Und: Was geht uns das alles an?

Die erste Frage ist vielleicht am einfachsten zu beantworten.

Krokodile können nicht weinen. Sie haben aber die vielbesagten Krokodilstränen. Diese sind eine sozusagen körperliche Reaktion, wenn sie ihr Maul beim Fressen ihrer Beute so weit aufreissen, dass es einen Druck gibt auf die Tränendrüsen … nein, sie weinen also nicht aus Mitleid über den Tod ihrer Beute. Und sie heucheln auch nicht Mitleid, wie man es ihnen angesichts der Tränen nachsagte.Tränen fließen und sind ins Sprichwörtliche eingegangen.Aber nein, weinen können Krokodile mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht.

Aber wie alle Tiere können sie Schmerz empfinden, Angst haben, traurig sein und viele andere Empfindungen haben, die auch wir kennen. Nur Tiere äussern diese Gefühle anders. Wer mit Tieren aufgewachsen ist, wer Tiere bei sich hat und mit ihnen lebt, der wird das bestätigen können. Nicht nur Krokodile weinen nicht, auch andere Tiere- soweit wir wissen -nicht. Aber sie fühlen und sie sind Lebewesen so wie wir.

Und die Krokodilstränen?

Helfen nicht, sagte einmal eine Kampagne von Brot für die Welt- Eine Kampagne, in der es um unser Engagement für die Dritte Welt geht. Da tut uns auch Vieles leid. Wenn wir sehen wie Menschen leiden überall auf diesem Erdenrund. Auch wie Tiere leiden. Aber, die Kampgne hat Recht: „Krokodilstränen helfen nicht.“

Krokodilstränen helfen weder Mensch noch Tier.

„Am Abend eines milden Sommertages schoß ich von der Veranda des Stadthauses  eine Taube  aus der alten Linde. Ich schoß und traf sie zwischen den Flügelblättern. Sie flog noch ein Stück und lag im Schatten der Barbarakirche. Das ist fünfzig Jahre her. Und es war nicht nötig.“

So erinnert sich Peter Beier an ein Erlebnis seiner Jugendzeit. Derselbe Peter Beier, der später Präses unserer Landeskirche wurde und eben fünfzig Jahre später schreibt: „Unter der Hölle der Menschen- die Hölle der Tiere.“

Der Satz Max Horkheimers bedarf keiner Prüfung. Er ist wahr. Legehennenbatterien, Schweinetransporte von Warschau nach Mailand, Robbentotschlag, Tierversuche en gros, Waljagd, ein Hund, den man bei Antritt der Ferienreise auf der Autobahn aussetzt, der Elefant, ein Tonnenkadaver, irgendwo im afrikanischen Busch. Man brach ihm die Stoßzähne aus. Klar wissen wir, sehen wir es beim Hüpfen von Kanal zu Kanal nach der Tagesschau. …In Wuppertal gibt`s derweil ein Symposium über Mitgeschöpflichkeit. Die Zyniker werden dazu ihre zynischen Bemerkungen ablassen. Nicht wahr? Herr Präses, wir haben andere Sorgen beim Überlebenstraining der Art. Die Träne über einen ölverschmierten Reiher können wir uns nicht leisten.Der Mensch zuerst. Es geht um sein Leben. Eben!“

Liebe Gemeinde, 1993 hat Präses Beier dies gesagt. Manches hat sich gar zum besseren inzwischen getan. Tierschutzgesetze zum Thema Hühnerhaltung, Tiertransporte, Robbenschlachtung und Artenschutz.

Aber „unter der Hölle der Menschen die Hölle der Tiere“ ist dennoch geblieben. Wer war nicht in Zeiten von Corona und den Infektionszahlen in Fleischbetrieben  erschüttert über die Zustände- der dort Arbeitenden, aber auch der Massenschlachtungen- ohne Rücksicht auf Angst, Schmerz, Würde… auch der Tiere, der Mitgeschöpfe. Und wer die Augen nicht zumachen möchte, der kann all die Bilder und Videos sehen auf Youtube oder in entsprechenden Berichten, wie Tiere gehalten, transportiert und getötet werden.

Und es ist nicht nötig! Zumindest nicht so.
Die Tiere mit ihren angstvoll aufgerissenen Augen – sie tun uns leid!
Aber  Krokodilstränen helfen nicht.

Und da sind wir bei der zweiten Frage:

Was ist der Unterschied zwischen Mitleid- und- Barmherzigkeit?.
Mitleid ist ein Empfinden. Ich empfinde Mitleid, wenn  es einem Menschen, einem Tier, noch dazu hilflos und ausgeliefert, nicht gut geht. Wenn da eine Not ist, die mir zu Herzen geht. Ja, ich kann aus Mitleid weinen. Aber das ist noch lange keine Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist eine Tat, eine Handlung, eine Bewegung, eine Veränderung meines Verhaltens. Ich ergreife die Initiative, ich werde tätig- und das, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten!

Der biblische barmherzige  Samariter hat nicht nur Mitleid. Er weint nicht nur Tränen oder gar Krokodilstränen! Er packt an, packt auf, den blutenden, verschwitzten, vermutlich stinkenden Mann da auf der Straße , setzt ihn auf seinen Esel und bringt ihn dorthin, wo ihm weitergeholfen wird. Eine Herberge, da hinterlässt er das nötige Geld, aber vorher hat er getan, was nötig war. Und zwar ohne Berechnung, ohne Hintergedanken, ohne Kalkül, was bringt mir das? Und er hat sich auf dieses Gegenüber in seinem Schicksal und seinem Leid eingelassen! Ja, er hat sich eingelassen!

Das ist Barmherzigkeit, die Jesus den Hörern seiner Zeit und uns vor Augen stellt.
Barmherzigkeit ist also mehr als das Beklagen der Zustände. Auch- und das ist das Thema dieser Predigt- der Zustände rund um unser Leben auf diesem Erdenrund und das der Geschöpfe, die mit uns hier leben.

Nein, Peter Beier musste diese Taube nicht totschießen. Ein Jungenstreich. Übermut. Was auch immer. Und auch wir müssen manches nicht tun. Nicht nach dem billigsten Fleisch schauen. Nicht in Kauf nehmen, dass die Bauern unter Druck gesetzt werden so billig wie möglich zu „produzieren“. Und auch die Auflagen zum Umweltschutz, die wichtig und richtig sind, setzen die Landwirte unter  Druck, wenn da nicht auf Kundenseite die Bereitschaft ist deutlich mehr zu zahlen für umweltschonend hergestellte oder produzierte Waren. Und das wiederum hat natürlich auch mit dem zu tun, wie nicht nur Gemüse und Getreide angebaut werden, sondern auch Tiere gehalten werden.

Die Artenvielfalt steht hier auf dem Spiel. Insektensterben - seit Jahrzehnten.

Die Art wie Tiere gehalten werden und damit ihre Würde, ich sage das jetzt so, steht auf dem Spiel. „Tierwohl“?  Es ist ein Witz, wie der Unterschied zwischen den unterschiedlichen Haltungsformen 1, 2, 3 und 4 ist. Eine Handvoll mehr Stroh? Ein paar Quadratzentimeter mehr Platz pro Tier?

Massentierhaltung, die Transporte, der Umgang mit dem Tier als seelenlose Ware zur Produktion von Fleisch, die Schlachtungen im Fließbandverfahren… „Und es ist nicht nötig“. Nein. Nicht in unserem Land.

Meine Tochter erzählte mir von einer Szene aus Uganda: Auf einem stinkenden Moped saßen 3 Menschen und hinten flatterten links und rechts 10 Hühner, an den Füßen zusammengebunden. Ja, so mag die Notwendigkeit sein in einem Land, in dem Tiere transportiert werden müssen, es keine Kühlung gibt und niemand Geld hat um es anders zu machen. Aber wir sind nicht in Uganda.

Es geht nicht darum, dass wir alle Vegetarier oder gar Veganer sein müssten. Und ich möchte nicht, dass es in unserer Heimat keine Hühner, Gänse, Kühe oder Schafe oder Schweine auf den Wiesen und in den Ställen gibt, oder wir gar angewiesen wären auf Fleisch aus China oder anderen Ländern, in denen man garnichts auf artgerechte Haltung und Umweltschutz gibt. Schon garnichts gibt auf Barmherzigkeit den Tieren gegenüber. Aber ich wünsche mir eine artgerechte Haltung bei uns bis hin zur Schlachtung. Ich wünsche mir respektvollen Umgang nicht nur mit Hunden, Katzen oder Pferden, die uns allen lieb und teuer sind, sondern auch mit den Tieren, von denen wir leben oder / und die mit uns -ob groß oder klein –in diese Schöpfung gestellt sind.

Ist das ein Thema für eine Predigt?

Ist das ein Thema für eine Predigt zur Jahreslosung?

Ja. Auch wenn die Welt natürlich gerade auch andere Problene hat. Ich weiß.
Aber das Thema unseres Umgangs mit den Mitgeschöpfen bleibt aktuell.

„Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs“. So heißt es in den Sprüchen der Bibel. In den 10 Geboten wird auch der Tiere gedacht. Am 7. Tag sollst Du ruhen….. Da sollst Du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt  lebt….So haben wir es im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt. Auch das Tier darf Anteil haben am Geschenk der Ruhe und des Sabbats. Auch das Tier verdient es wahrgenommen zu werden in seinen Bedürfnissen.

Es gibt in der kirchlichen Tradition sieben Werke der Barmherzigkeit:
Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte kleiden, Fremde beherbergen, Gefangene erlösen, Kranke besuchen, Tote begraben.

Die ersten sechs stammen aus dem Matthäusevangelium im 25. Kapitel, das 7. kam später schließlich dazu. 7 ist die Zahl der Vollkommenheit und wir hätten wahrlich genug mit ihnen zu tun um sie zu erfüllen.

Papst Franziskus war es, der 2016 einlud diesen sieben Werken der Barmherzigkeit ein achtes hinzuzufügen: Barmherzigkeit der Natur und allen Geschöpfen gegenüber zu zeigen: „Wenn wir die Natur schlecht behandeln behandeln wir auch den Menschen schlecht.“ Und er bedenkt dabei ausdrücklich so wie sein Namensgeber Franz von Assisi die Tiere.

Wir bekennen vor Gott, dem Schöpfer der Tiere und vor unseren Mitmenschen: Wir haben als Christen versagt, weil wir in unserem Glauben die Tiere vergessen haben,….Wir haben den diakonischen Auftrag Jesu verraten und unseren geringsten Brüdern , den Tieren, nicht gedient“, hieß es im Glauberger Schuldbekenntnis 1988, das ausser Kurt Marti, Eugen Drewermann, Heinrich Albertz mehr als 400 Theologen unterschrieben hatten. Aber wer weiß das schon? Und wenn man es weiß berühren uns dann diese Worte? Dieses Bekenntnis?

Uns mögen kirchliche Traditionen oder Bekenntnisse wie dieses unbekannt sein oder wir fragen uns nach der Wichtigkeit in der heutigen Welt, die an so vielen Stellen brennt.

Ja, die Worte mögen uns vielleicht nicht berühren. Aber vielleicht berührt uns doch das Leid der Tiere.

Und ihr Schicksal hat mit unserem zu tun. Erich Frieds Käfer und Genossen, auch die ganz großen, sind in ihrer Artenvielfalt bedroht. Und der Umgang, den wir mit Tieren haben - Nutztiere, wie wir sie aus unserer Sicht definieren - hat etwas mit unserem Wesen und unserem Blick auf die Schöpfung und der Achtung vor dem Leben zu tun.

Hat Gott den Menschen nicht zur Herrschaft über seine Schöpfung bestellt? Aber Herrschaft heißt nicht Ausbeutung, nicht gnadenlose Ausrottung, nicht Gleichgültigkeit, nicht Egoismus eines Herrschers, der sich zum Mittelpunkt von allem macht. Herrschaft, zumindest die eines guten Herrschers, hat mit Verantwortung an dem und den Anvertrauten zu tun.

Und die Barmherzigkeit? Zu der wir aufgerufen sind auch den Tieren gegenüber?

Da ist die schöne Geschichte von Jona, den Gott nach Ninive schickte um dieser Stadt den Untergang zu prophezeien. Am Ende verschont Gott die Stadt- zum Ärger des Propheten. Mit welchen Worten lässt Gott ab von seinem Plan?. Als Jona um die Staude weint, die ihm in der Hitze der Tage Schatten spendete und verdorrte, sagt Gott:

„Dich jammert die Staude, um die du dich nicht gemüht hast, hast sie auch nicht aufgezogen, die in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt , in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu so viele Tiere?“

Nein, wir sind nicht Gott, aber wir Menschen spielen uns oft so auf als gehörte die ganze Welt uns. Demütig machen müsste uns diese Geschichte.  Diese Geschichte, in der Gott in seinem Erbarmen und seiner Gnade die Menschen und die Tiere in einem Atemzug nennt. „Und dazu so viele Tiere.“

Das ist das letzte Wort im Buch Jona. Aber nicht das letzte Wort über uns und unsere Welt.

Die Bewahrung der Schöpfung, unsere Verantwortung den Mitgeschöpfen gegenüber und unsere Barmherzigkeit ihnen gegenüber, das ist ein weites Feld.

Aber irgendwo müssen, dürfen, sollen wir anfangen. Und wenn wir angefangen haben, dann sollen wir nicht wieder aufhören, nicht nachlassen. Wie Peter Beier, Erich Fried, Albert Schweitzer.

Naja, und vielleicht kommen dann doch zu unserer Beerdigung zwei oder drei…

Aber zumindest könnten wir uns freuen und beruhigt gehen, wenn es sie noch nach uns gibt: die Schmetterling und Käfer, die Ameisen und Regenwürmer…und auch die anderen Tiere, von denen wir endlich verstehen, dass sie Schmerz empfinden, trauern, sich freuen können. Weinen können sie vielleicht nicht. Aber Teil sind sie von Gottes  wunderbarer Schöpfung.

Ich schließe mit Erinnerungen von Albert Schweitzer:  

Zur Osterzeit, Albert Schweitzer war noch ein Junge, wurde er von einem Freund aufgefordert auf Vögel zu schießen.

„Dieser Vorschlag war mir schrecklich, aber ich wagte nicht zu widersprechen, aus Angst er könne mich auslachen. So kamen wir in die Nähe eines kahlen Baumes, auf dem die Vögel, ohne sich vor uns zu fürchten, lieblich in den Morgen hinaus sangen. Sich wie ein jagender Indianer duckend legte mein Begleiter einen Kiesel in die Schleuder und spannte sie. Seinem gebieterischen Blick gehorchend tat ich dasselbe, mir fest gelobend, daneben zu schießen. In demselben Augenblick fingen die Kirchenglocken an in den Sonnenschein und Vogelgesang hinein zu läuten. Für mich war es eine Stimme aus dem Himmel. Ich tat die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf, dass sie wegflogen und floh nach Hause. Und immer wieder, wenn die Glocken der Passionszeit klingen denke ich ergriffen und dankbar daran, wie sie mir damals das Gebot: Du sollst nicht töten ins Herz geläutet haben. Von jenem Tag an habe ich gewagt mich von der Menschenfurcht zu befreien.“  

Amen

Predigt zum 07. Februar 2021