Texte

„Ich habe keinen Menschen“

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Menschen, die diese Worte lesen,
wenn ich Sie fragen würden, was ist der schönste Text, das schönste Wort in der Bibel, an das sie sich erinnern- Sie könnten sich vielleicht gar nicht entscheiden, weil es so viele Mut machende Geschichten und Texte gibt. Vielleicht fällt Ihnen auch Ihr Konfirmationsspruch ein, oder ein Psalm, wie der Psalm 23. Ich selbst könnte mich kaum entscheiden.
Wenn ich Sie aber nun fragte, was ist der traurigste Text, das traurigste Wort, fällt Ihnen dazu etwas ein?
Für mich ist das traurigste Wort ein Satz aus einer Heilungsgeschichte im Neuen Testament.
„Herr, ich habe keinen Menschen!“ Es ist ein Satz, aus der Geschichte, erinnern Sie sich, wo ein Gelähmter 38 Jahre lang am Teich Bethesda in Jerusalem liegt. Unfähig sich zu rühren. Irgendwer wird ihn Tag für Tag dort hingebracht haben. So liegt er da auf seiner Matte. Sicher wird er auch von irgendwas gelebt haben. Aber das Wunder, dass er geheilt wird, hatte bis dahin für ihn nicht stattgefunden.
Man schrieb den Wellenbewegungen des Teiches heilende Kräfte zu. Man sagte, wenn sich das Wasser bewegt berührt ein Engel mit seinen Flügeln das Wasser und wenn Du nur schnell genug bist und zum Wasser gelangst, dann wirst Du geheilt. Er ist aber nicht schnell genug. Er hat niemanden, der ihn im richtigen Moment dort hin schleppt.
„Warum liegst Du hier?“ fragt Jesus.
„Herr, ich habe keinen Menschen, der mich an den Teich bringt!“
„Herr, ich habe keinen Menschen“, das ist für mich der traurigste Satz, den ein Mensch sagen kann. Wenn da wirklich niemand ist. Oder man das Gefühl hätte, dass da niemand ist!
Der dich sieht, der sich und dich fragt, wie es dir geht, der dir gibt, was du brauchst, oder es zumindest versucht. Der dir nicht nur sagt, sondern auch zeigt, Du bist nicht allein.
Es ist eine sonderbare Zeit, beinahe surreal! Niemand von uns, nicht einmal die ganz Alten, haben so etwas erlebt, was wir alle, auf der ganzen Welt gerade erleben. Plötzlich steht alles still. Nichts, oder fast nichts geht mehr, was gestern noch war. Andererseits drehen Menschen in helfenden Berufen wie Ärzte, Krankenschwestern, Verkäuferinnen bei den Discountern …am Rad, weil alles, wie eine Freundin in einer Lungenklinik in Essen sagt, nur noch drunter und drüber geht.
„Herr, ich habe keinen Menschen...“ Die Maßnahmen unserer Regierung sind gut, so finde ich zumindest, um zu versuchen, die weitere Ausbreitung der Infektionen einzudämmen. Aber zugleich, bei allem Wissen, dass dies nun notwendig ist, haben Menschen Sorgen. Finanzielle Sorgen, ja existenzielle, weil Einnahmen einbrechen. Und viele Menschen haben Angst. Angst zum Beispiel vor Isolation. Angst, die lähmt. Wer ist da, der mir hilft? Wer ist da, mit dem ich noch Kontakt haben kann? Was ist, wenn einer meiner Lieben oder ich selbst die Krankheit bekomme- gerade wenn man zu den Risikogruppen gehört?
Dennoch: Bei allen Sorgen und Ängsten und schlimmen Nachrichten der letzten Tage haben mich die überwältigenden Hilfsangebote berührt- Menschen, die anrufen und schreiben: „Wenn Sie mich brauchen, ich bin da“. Zum Einkaufen, um Geburtstagsgrüße zu schicken, um alleinstehende Menschen anzurufen, um an unserem Notgemeindebrief mitzuarbeiten oder gar digital, also für das Internet etwas zu erarbeiten, um am Abend Musik vor unseren Kirchen erklingen zu lassen, damit andere hören: Wir sind noch da! Gott ist noch da! Ihr seid da! Und wir bleiben im Gebet und in Gedanken verbunden.
Liebe Gemeindemitglieder, liebe Menschen, die Sie dies lesen- bitte sagen Sie nicht: „Ich habe keinen Menschen!“
Jesus sagt: „Steh auf, nimm Dein Bett und geh!“
Und er, der Gelähmte bekommt Mut- sich etwas zuzutrauen, steht auf und kann gehen!

Nein, ich weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, das ist nicht so einfach. Heilung, meine ich- dass Sorgen verschwinden, dass Ängste überwunden sind, dass man ein Licht am Horizont sieht.
Aber ein Schritt um den ich Sie bitten möchte, Sie ermutigen möchte: Bitte rufen Sie uns an!
Es gibt so viele Menschen, die bereit sind da zu sein, Einzukaufen, Anzurufen, etwas Wichtiges zu besorgen, Mut zu machen!
Bitte melden Sie sich.
Wenn es jemanden gibt, der sich über einen Anruf von uns freuen würde, der allein ist oder in einer Notsituation, den Sie kennen, bitte teilen Sie uns auch das mit. Es ist für mich fast unerträglich, dass es Situationen gibt, in denen ich, wir, so wenig tun können- aber es gibt unendlich vieles, wo wir einander und auch anderen, die längst nicht mehr daran glauben, dass jemand an sie denkt, ein Zeichen der Hoffnung geben können. Und wenn es nur in ganz alltäglichen kleinen Dingen besteht.
„Herr, ich habe keinen Menschen…“
Nein, wir sind da! Gott ist da. Sag, was Du brauchst. Denn Gott traut uns gemeinsam das zu, dass wir einander sehen und nicht vergessen!
Mag sein, dass der Kranke damals die Frage Jesu falsch verstanden hat, weil er vielleicht glaubte Jesus schleppt ihn zum Teich. Jesus tut etwas viel wichtigeres: Er macht dem Mann Mut sich selbst zu bewegen. Wir bewegen uns, liebe Gemeinde, wir müssen nicht untätig und gelähmt auf diese ja, keine Frage, schlimme Situation schauen. Wir können uns bewegen. Gemeinsam.
Ich grüße Sie herzlich, schließe Sie ein in mein Gebet, bedanke mich bei allen, die jetzt so viel leisten, egal an welchem Ort. Und ich bitte Sie noch einmal: melden Sie sich und lassen Sie uns miteinander in Verbindung bleiben.
Gott beschütze Sie
Herzliche Grüße
Pfarrerin Latour

Ökumenisches Gebet in Zeiten der Corona-Krise

Guter und barmherziger Gott!
In Zeiten von Verunsicherung und Krankheit kommen wir gemeinsam zu Dir und werfen alle unsere Sorgen auf Dich.
Du schenkst uns neue Zuversicht, wenn uns Misstrauen und Unsicherheit überwältigen.
Du bleibst uns nahe, auch wenn wir Abstand voneinander halten müssen.
Wir sind in deiner Hand geborgen, selbst wenn wir den Halt zu verlieren drohen.

Wir bitten dich:
für alle Menschen, die sich mit dem Corona-Virus angesteckt haben und erkrankt sind;
für alle Angehörigen, die in tiefer Sorge sind;
für alle Verstorbenen und für die, die um sie trauern;
für alle, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben und um ihre Existenz fürchten.
Sei ihnen allen nahe, gib ihnen neue Hoffnung und Zuversicht,
den Verstorbenen aber schenke das Leben in deiner Fülle.

Wir bitten dich:
für alle Ärztinnen und Ärzte, für alle Pflegenden in den Kliniken, Heimen und Hospizen;
für alle, die Verantwortung tragen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft;
für alle, die uns Tag für Tag mit dem Lebensnotwendigen versorgen;
für alle Seelsorgerinnen und Seelsorger, die den Menschen Gottes Frohe Botschaft zusagen.
Sei auch ihnen nahe und schenke ihnen Kraft, Mut und Zuversicht.

Wir bitten dich:
für die jungen Menschen unter uns, die Kinder und Jugendlichen,
für alle, die um ihre Zukunft fürchten,
für die Familien, die die erzwungene Nähe nicht gewohnt sind,
für alle, die die Betreuung von Kindern und Jugendlichen übernommen haben.
Sei ihnen allen nahe, schenke ihnen Geduld und Weitsicht, Verständnis und Hoffnung.

Wir bitten dich:
für die Menschen weltweit, deren Gesundheit an jedem Tag gefährdet ist,
für alle, die keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen können,
für die Menschen in den Ländern, die noch stärker von der Krankheit betroffen sind.
Sei ihnen allen nahe und schenke ihnen Heilung, Trost und Zuversicht.

Auch bitten wir dich für uns selbst:
Lass uns trotz aller Sorgen den Blick für die anderen nicht verlieren und ihnen beistehen.
Mache uns bereit, Einschränkungen in Kauf zu nehmen
und lass uns dazu beitragen, dass andere Menschen nicht gefährdet werden.
Erhalte in uns die Hoffnung auf dich, unseren Gott,
der uns tröstet wie eine liebende Mutter und der sich aller annimmt.
Dir vertrauen wir uns an.
Dich loben und preisen wir, heute und alle Tage unseres Lebens bis in Ewigkeit.

Wir beten mit der ganzen Christenheit auf Erden: Vater unser…..